Augen im Fenster

Elemente der intermedialen Rekonfiguration des Fernsehens im Kontext digitaler Öffentlichkeiten
STEFAN MÜNKER

Editorische Notiz: Der Text ist identisch mit der Fassung in Bildwerte. Visualität in der digitalen Medienkultur, transcript Verlag, Bielefeld 2013, S. 173-194.

Mein Text zielt auf eine Beschreibung aktueller Veränderungen der Medialität des Fernsehens. Ich beginne mit einigen kurzen Bemerkungen zum Begriff des Fernsehens und werfe danach einen Blick zurück in die Anfänge der Fernsehgeschichte. Im dritten Teil komme ich auf Formen audiovisueller Produktionen zu sprechen, die sich als innovative soziokulturelle Praktiken in den digitalen Öffentlichkeiten des Internets ausgebildet haben und noch ausbilden. Am Ende schließlich werde ich vier Strategien des Fernsehens vorstellen, auf die Herausforderung durch die digitale Kultur zu reagieren – und ich werde diese Strategien als verschiedene Elemente einer intermedialen Rekonfiguration des Fernsehens bewerten und in den zuvor entwickelten historischen Kontext einordnen.

ZUM BEGRIFF DES FERNSEHENS

Der Begriff »Fernsehen« ist äquivok: Wir bezeichnen als Fernsehen ein technisches Medium, das im Laufe seiner sehr erfolgreichen Karriere zum Gefäß für eine Vielzahl formal wie inhaltlich sehr unterschiedlicher audiovisueller Medien geworden ist – die sog. Fernsehformate. Wir bezeichnen als Fernsehen zugleich die Kulturtechnik der Rezeption der einzelnen Sendungen, die man beherrschen muss, um mit Gewinn zuschauen zu können. Darüber hinaus ist Fernsehen aber auch der Name für das System der Sendeanstalten, das sich im Zuge der Etablierung des Mediums Fernsehen als Leitmedium nur allzu konsequent zu einer politisch wie auch ökonomisch wichtigen Institution unserer Gesellschaft entwickelt hat. (Unter einen Hut bekommt man diese Äquivozität des Begriffs »Fernsehen« vielleicht am besten, wenn man das Fernsehen als ein Dispositiv im Foucault’-schen Sinne versteht. 1)
Lange hat man geglaubt, wenn schon nicht den Begriff, so doch wenigstens die Medialität des Fernsehen klar und eindeutig benennen zu können – in seiner Bestimmung als ein »Massenmedium, das zentral konzipierte und produzierte audiovisuelle Sendungen unidirektional und synchron an ein disperses Massenpublikum vermittelt« (so der Eintrag in der deutschsprachigen Wikipedia 2). Mittlerweile jedoch ist der Komplex, den wir »Fernsehen« nennen, medial so ausdifferenziert und umfasst so divergente Elemente, dass die Beschreibung genau einer spezifischen Medialität das Medium nicht länger zu fassen vermag. In diesem Sinne schreiben auch Judith Keilbach und Markus Stauff in einem jüngst publizierten Aufsatz, es falle »auf, dass eine kohärente Definition des Mediums momentan unmöglich zu sein scheint: das gegenwärtige Fernsehen ist hierfür schlichtweg zu komplex, zu heterogen und permanenten Veränderungen unterworfen.« 3
Eine Konsequenz daraus lautet: Es gibt das Fernsehen nicht. 4 Konsequenterweise sollten wir den Begriff von vornherein besser in den Plural setzen: »[W]e need to think of the medium not as ›Television‹ but as televisions«, schreibt Amanda D. Lotz in ihrem Buch über Veränderungen der letzten Jahre, die sich vor allem aus dem technischen und kulturellen Prozess der Digitalisierung ergeben haben. 5 Tatsächlich können Keilbach und Stauff zeigen, »dass das Fernsehen im Laufe seiner Geschichte fortwährenden Veränderungen ausgesetzt war« – weswegen sie vorschlagen, »nicht nur das gegenwärtige Fernsehen mit den Begriffen ››Veränderung‹ und ›Transformation‹ zu beschreiben, sondern ›Veränderung‹ und ›Transformation‹ als fundamentale Merkmale des Mediums zu fassen«. 6
Der Vorschlag ist richtig: Das Fernsehen ist immer schon ein Medium im Übergang. Man denke nur an das Stichwort »Personalisierung der Fernsehnutzung«, das seit einiger Zeit gerne und auch zu Recht mit der digitalen Technik in Verbindung gebracht wird (ich komme darauf noch einmal zurück). Tatsächlich setzt die Personalisierung der Fernsehnutzung schon zu Beginn der massenmedialen Ära der Television in den fünfziger Jahren mit der Erfindung der Fernbedienung ein und geht mit der Einführung von Videorekordern und später der Pluralisierung von Kanälen weiter, lange vor der Einführung von digitalen Festplattenreceivern, Mediatheken und Social-TV-Plattformen im World Wide Web…
Bevor ich im Folgenden einige aktuelle, der Digitalisierung und ihrer Kultur geschuldeten Entwicklungen beschreiben werde, möchte ich auch deswegen den Blick erst einmal zurückwerfen – und zwei unterschiedliche metaphorische Figuren, mit denen das Fernsehen im Laufe seiner Geschichte beschrieben wurde, einander gegenüberstellen.

Anmerkungen
  1. Vom Dispositiv Fernsehen spricht Knut Hickethier bereits 1993, freilich ohne jeden Bezug zu Foucault; vgl. Hickethier, Knut: »Dispositiv Fernsehen, Programm und Programmstrukturen in der Bundesrepublik«, in: Knut Hickethier (Hg.), Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik. Bd.1: Institution, Technik und Programm, München: Fink, S. 171-243. []
  2. Seite »Fernsehen«, in: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 7. Mai 2012, 17:44 UTC. (Abgerufen: 9. Mai 2012, 22:36 UTC). []
  3. Keilbach, Judith/Stauff, Markus: »Fernsehen als fortwährendes Experiment. Über die permanente Erneuerung eines alten Mediums«, in: Nadja Elia-Borer/Samuel Sieber/Georg Christoph Tholen (Hg.), Blickregime und Dispositive audiovisueller Medien, Bielfeld: transcript 2011, S. 155-181, hier: S. 155. []
  4. Vgl. meinen Aufsatz »Es gibt das Fernsehen nicht. Meditation über ein verschwindendes Medium«, in: Gundolf S. Freyermuth (Hg.), figurationen. Heft 2 (2007): Intermedialität – Transmedialität, Köln/Weimar: Böhlau 2008, S. 97-103. []
  5. Lotz, Amanda D.: The Television will be Revolutionized, London/New York: New York University Press 2007, S. 78. []
  6. Ebd., S. 156. []

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