Augen im Fenster

FENSTER & AUGEN

Im Jahre 1946 publizierte Thomas Hutchinson sein Buch Here is Television. Your Window to the World 7 als Bericht über die Ankunft des Fernsehens in der US-amerikanischen Gesellschaft. In den USA gab es zur Zeit der Veröffentlichung ca. 44.000 Empfangsgeräte (allein 30.000 davon im Großraum New York). NBC hatte 1944 seinen regulären Sendebetrieb aufgenommen, das DuMont Television Network kam 1946 dazu. Das Fernsehen war tatsächlich noch neu und für die meisten eine unbekannte Technik, und man konnte allenfalls ahnen, dass es als erfolgreichstes Massenmedium des zwanzigsten Jahrhunderts die Wohnzimmer der Nationen erobern sollte. Die Beschreibung des Fernsehens als »Fenster in die Welt« wurde prägend, auch bei uns. In der Bundesrepublik Deutschland begann am ersten Weihnachtstag vor 60 Jahren der regelmäßige Fernsehbetrieb. Werner Pleister, der Gründungsintendant des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR), kündigte das neue Medium in seiner Ansprache zum Start des Sendebetriebs am 25.12.1952 entsprechend an:

»Das Fernsehen schlägt eine Brücke von Mensch zu Mensch, von Völkern zu Völkern. […] Wir versprechen Ihnen, uns zu bemühen, das neue geheimnisvolle Fenster in ihrer Wohnung, das Fenster in die Welt, Ihren Fernsehempfänger, mit dem zu füllen, was Sie interessiert.« 8

Die Metapher des Fensters, zunächst weit nüchterner als andere Sprachbilder wie »Zauberspiegel« oder »Flimmerkiste«, beschwört einerseits die Tatsache, dass wir als Fernsehzuschauer einen Blick in die Welt werfen können – aber in ihr schwingt andererseits auch das Häusliche des Rezeptionskontextes mit: Wir sind schauend dabei, bleiben aber zugleich geschützt daheim. In all der Banalität, welche die Beschreibung des Mediums Fernsehen als Fenster zur Welt durch den ubiquitären Gebrauch in der seither vergangenen Zeit zwangsläufig angenommen hat, enthält sie doch einen auf verschiedenen Ebenen durchaus triftigen Gehalt. So trivial die oberflächliche Ähnlichkeit von Fenstern und Bildschirmen auch ist, so sehr kommt im Bild des Fensters, das zwischen Sender und Empfänger, zwischen Fernsehsendung und Zuschauer situiert wird, zunächst die für mediale Situationen zentrale Eigenschaft der Vermittlung auf eine Weise zur Geltung, die alles andere als trivial ist. Der Ort von Medien ist wie der von Fenstern immer der eines »Dazwischen« 9. Damit aber markieren Medien wie auch Fenster Differenzen 10 – zwischen innen und außen, hier und dort, gestern und heute, usw.
Medien markieren aber nicht nur Differenzen, sie erzeugen sie auch. Medien sind den Inhalten, die sie transportieren, gegenüber nicht neutral. Die bedeutungskonstitutive Rolle vor allem der technischen Medialität allerdings wird nicht nur immer wieder (versehentlich oder geflissentlich) übersehen, sie wird auch immer schon verdeckt von Beschreibungen der Medien und ihrer Funktion, die einen gegenteiligen Schein erwecken. Eben dafür ist die Metapher des Fensters geradezu exemplarisch: Wer Fenster sagt, evoziert zunächst die Assoziation der Durchsicht, der Transparenz, des Diaphanen. Theoriehistorisch angelehnt an Leon Battista Albertis programmatische Beschreibung des Bildes als »aperta fenestra« 11, als offenes Fenster, welches die Welt, die es darstellt, so zeigen soll, wie sie ist, unterstreicht die (Selbst)Beschreibung des Fernsehens als »Fenster in die Welt« bildhaft zum Beispiel den journalistischen Anspruch objektiver Berichterstattung. Vollständige Transparenz freilich ist ebenso eine Illusion wie gänzliche Objektivität. 12 Informationsvermittlung ist eben ohne Störung nicht zu haben. Liest man die Metapher vom Fenster allerdings ein wenig gegen den Strich, enthüllt sie eine gerade auch dazu passende weitere Bedeutungsebene. Fenster ermöglichen zwar Durchsicht, grenzen den Blick aber auf genau einen Ausschnitt ein; ihr Glas lässt das Licht durch, bricht es allerdings zugleich; im Blick durch die Scheibe schiebt sich neben die Welt zugleich immer wieder das eigene Spiegelbild; kurz: Fenster sind eben keine neutralen Vermittler eines unreglementierten Weltblicks. Mit dem hier geöffneten Assoziationsraum gewinnt die Metapher an Dichte – wenn auch gegen den Schein, den sie zunächst erzeugt, und sicher konträr zu der wohlgemeinten Intention, die ihrer Verwendung primär zugrunde lag. Geheimnisvoll ist das neue Fenster in die Welt, weil das mediale Setting des Fernsehens in all seinen Facetten (von den Entscheidungen von Autoren, Produzenten und Redakteuren, dem Blickwinkel der Kamera bis zur Qualität der Übertragung und der Ausstattung der Empfangsgeräte) die Inhalte, die es sendet, auf eine Art und Weise prägt, die kein Zuschauer je gänzlich dechiffrieren kann. Man sieht eben nur, was das Fernsehen einen sehen lässt. 13

Anmerkungen
  1. Hutchinson, Thomas: Here is Television: Your Window to the World. New York: Hastings House 1946. []
  2. Pleister, Werner: »Das geheimnisvolle Fenster in die Welt geöffnet«, in: Fernseh-Informationen I (1953), S. 7. []
  3. Roesler, Alexander: »Medienphilosophie und Zeichentheorie«, in: Stefan Münker/Alexander Roesler/Mike Sandbothe (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs. Frankfurt: S. Fischer 2003, S. 34-52, hier: S. 39. []
  4. »Medien eröffnen ein Spektrum von Differenzen«, schreibt Georg Christoph Tholen konsequenterweise (Tholen, G. Ch.: »Medium/Medien«, in: Alexander Roesler/Bernd Stiegler (Hg.), Grundbegriffe der Medientheorie. Paderborn 2005, S. 150-172, hier: 153). []
  5. Alberti, Leon Battista: De Pictura, Darmstadt 2000, S. 25. []
  6. Eine philosophiehistorische und medientheoretische Auseinandersetzung mit dem bildimmanenten Wechselspiel von Transparenz und Opazität liefert Emmanuel Alloas hervorragende Studie Das durchscheinende Bild. Konturen einer medialen Phänomenologie. Zürich: Diaphanes 2011. []
  7. Die Welt, die das Fernsehen vermittelt, ist eine Realität, die das Medium konstruiert – das hat Niklas Luhmann besser als andere beschrieben. Und zu Recht zugleich die Frage zurückgewiesen, ob die medial konstruierte Realität eine Verzerrung, eine Täuschung oder ähnliches sei: »Denn das würde ja eine ontologische, vorhandene, objektiv zugängliche, konstruktionsfrei erkennbare Realität, würde im Grunde den alten Essenzkosmos voraussetzen.« (Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. Opladen: Westdeutscher Verlag 1996, S. 20. []

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