Augen im Fenster


Diesen Satz kann man radikalisieren, wenn man ihn in nicht wörtlicher Rede reformuliert: Man sieht nur, was das Fernsehen sieht. Hier passt freilich die metaphorische Rede vom Fenster nicht mehr, wir müssen also das Register wechseln. Die Geschichte der Television hat dazu auch eine Alternative parat: Die Metapher des Auges nämlich, die ein wenig früher verwendet wurde und in den fünfziger Jahren auch schon wieder weitgehend verschwunden war. Zuvor allerdings taucht sie verschiedentlich immer wieder auf. Angelegt ist die Perspektive, mit der sie das Phänomen Fernsehen beschreibt, bereits ganz zu Beginn. Am 6.1.1884 patentiert das Kaiserliche Patentamt in Berlin Paul Nipkows Erfindung des »elektrischen Teleskops« – das »ein am Orte A befindliches Objekt an einem beliebigen anderen Orte B sichtbar machen« soll. Ein Teleskop freilich ist kein Fenster. Man schaut zwar durch beide hindurch, doch während das Fenster zwar als Öffnung eine Grenze für die visuelle Wahrnehmung transparent macht, ist nur das Teleskop ein Werkzeug zur technischen Optimierung der Leistung der Wahrnehmung. Vor Fenstern kann man passiv sitzen; man kann, was sie zu sehen erlauben, auch gänzlich ignorieren. Wer aber Teleskope nutzt, handelt bewusst als Sehender.
Die im Vergleich weitaus aktivere Perspektive auf das mediale Geschehen der Television, die Nipkow vorgibt, ist in der Folge verschiedentlich aufgenommen worden. Zum Beispiel und auf eine besonders eindringliche Weise von John Logie Baird, dem britischen Fernsehpionier 14: Baird forschte und entwickelte in den zwanziger Jahren mechanische Fernsehgeräte auf Basis der Nipkow Scheibe. 1926 gelang ihm eine erste drahtlose Fernsehübertragung. 1927 gründete er die Baird Television Development Company, und ein Jahr später sendeten seine Geräte die erste Farbübertragung. Im selben Jahr gelang ihm die erste transatlantische Sendung von London nach New York.
Das Empfangsgerät, das Baird bauen ließ, trug den schönen Namen »Televisor« – das Gerät als der in die Ferne Schauende. Das Logo seiner Firma setzt diese Perspektive auf das mediale Geschehen metaphorisch und bildlich um:

Abbildung 1: Logo der Firma Baird TelevisionQuelle: Auktionshaus Bonhams, London.
Abbildung 1: Logo der Firma Baird Television
Quelle: Auktionshaus Bonhams, London.

Das Fernsehen wird zum Auge der Welt. Soweit der Text. Mit der Einführung des Mediums Fernsehen, soweit dann das Bild, schlägt die Welt die Augen auf – genauer, wie in der bekannten Imagekampagne eines deutschen Fernsehsenders, ein Auge auf, das durch den Schleier der den Globus umschwebenden Wolken schaut. Die Welt beginnt nicht fernzusehen – die Welt beginnt überhaupt zu sehen. Dabei ist ihr Blick direkt auf den Betrachter gerichtet, nicht etwa in Selbstbetrachtung zurück auf das, was auf ihr geschieht – fast so, als hätten die verantwortlichen Werbegrafiker geahnt, dass Fernsehgeräte im Dienste der Marktforschung dereinst nicht nur Programme senden sollten, sondern das Verhalten der Zuschauer teilweise zugleich protokollieren. »Monitors that monitor us«, heißt das sehr schön bei Mark Andrejevic. 15

Anmerkungen
  1. Zu Baird siehe: Hills, Adrian: »Eye of the World: John Logie Baird and Television. Part 1«, Kinema. A Journal for Film and Audiovisual Media, No.5 (1996) sowie Baird, Malcolm: »Eye of the World: John Logie Baird and Television. Part 2«, Kinema No.6 (1996). []
  2. Andrejevic, Mark: »The twenty-first-century telescreen«, in: Graeme Turner/Jinna Tay (Hg.): Television Studies After TV. Understanding Television in the Post-Broadcast Era. London: Routledge 2009, S. 31-40, hier: S. 33. []

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