Augen im Fenster


Baird übrigens verlor im Laufe der frühen dreißiger Jahre den Anschluss – sein mechanisches System war den elektronischen Geräten unterlegen, wie sie durch Erfindungen von Zworkin, Farnsworth, Marconi und von Ardenne möglich geworden waren. Die metaphorische Rede vom Fernsehen als Auge der Welt allerdings hatte noch ein wenig Bestand: »Nichts bleibt dem Auge des Fernsehens verborgen! Das Fernsehen ist das Auge der Welt!« So wurden die Zuschauer 1935 in den öffentlichen Fernsehstuben Berlins begrüßt. 16 Im selben Jahr kam mit dem Film DAS AUGE DER WELT (D 1935, R: Carl Hartmann) der erste Dokumentarfilm über das entstehende Massenmedium Fernsehen heraus.
Ein Fenster ist etwas, durch das man schaut; ein Auge ist das, womit man sieht. In den metaphorischen Beschreibungen des Fernsehens als Fenster bzw. als Auge sind damit zwei unterschiedliche, wenn nicht gegensätzliche Perspektiven auf seine Medialität konnotiert: Verstanden als Fenster, erscheint das Fernsehen als vornehmlich passiv rezipiertes Verbreitungsmedium; verstanden als Auge, wird das Fernsehen zum aktiven Betrachter. Changiert die Metapher des Fensters zwischen einerseits dem Ideal der unmöglichen Transparenz samt seiner impliziten Dekonstruktion und anderseits der Logik der Differenz, die das mediale Geschehen auszeichnet, weil es sie selber in Gang setzt, , so kommt mit der Metapher des Auges auf fast pathetische Weise der Anspruch einer unmittelbaren Zeugenschaft auf: Das Medium, das sehen kann, trägt keine medialen Züge. Zu schauen, was es sendet, bedeutet, an seinem Sehen teilzuhaben. Wir sehen, was das Fernsehen sieht – als wären wir selbst dabei. »Wie das Auge, so das Ding«, lautet die Kurzformel unmittelbar sinnlicher Erkenntnis, die William Blake im 18. Jahrhundert aufstellte und die in dieser metaphorischen Rahmung aufscheint. 17 Im Dispositiv des Massenmediums Fernsehen allerdings ist solche Unmittelbarkeit nur um den Preis der Nivellierung des medialen Settings zu haben – und das heißt gar nicht.
Wir wissen ja auch, welche Metapher sich durchgesetzt hat: Als selber sehendes Medium beschreibt kaum jemand mehr das Fernsehen. Vom Fenster zur Welt redet man immer noch. Hier ein Beispiel aus jüngerer Zeit: »Medien sind ein Fenster zur stets größer werdenden Welt, ermöglichen Beobachtung, vermitteln Wissen, bieten Orientierung« – so Ottfried Jarren 2007, und er fährt fort: »Medien leisten damit […] einen Beitrag zur gesellschaftlichen Koorientierung und somit zur gesellschaftlichen Koordination.« 18 (Etwas unglücklich ist allerdings die Ausweitung der Fenstermetapher über den audiovisuellen Kontext – für den das Bild zumindest nicht schief ist – zur Beschreibung aller Medien.) Ähnliche Beschreibungen finden sich an verschiedenen Stellen immer wieder. Und das insofern zu Recht, als die Fenstermetapher die Rolle des Massenmediums Fernsehen im Rahmen der klassischen, modernen Öffentlichkeit ziemlich zutreffend beschreibt: Massenmedien wie das Fernsehen vermitteln zwischen den Sphären der Zivilgesellschaft auf der einen und den gesellschaftlichen Institutionen von Politik, Recht, Ökonomie auf der anderen Seite vor allem durch die Etablierung eines gesamtgesellschaftlich geteilten Informationsstands – der die Anschlussfähigkeit von Kommunikationen sichert, ohne dass hierzu irgendeine Partizipation der Rezipienten notwendig würde.
Eine aktive Rolle des Zuschauers ist in diesem Modell nicht nur nicht vorgesehen – sie ist per definitionem ausgeschlossen.

Anmerkungen
  1. Zitiert nach: Kubitz, Peter Paul: Der Traum vom Sehen. Zeitalter der Televisionen. Dresden: Verlag der Kunst 1997, S. 18. []
  2. Blake, William: »Annotation to Reynold«, in: Geoffrey Keynes (Hg.), Complete Writings, Oxford: Oxford University Press 1972, S. 456 (zitiert nach: John Crary, Techniken des Betrachters. Sehen und Moderne im 19. Jahrhundert., Dresden: Verlag der Kunst 1996, S. 77). []
  3. Jarren, Otfried: »Gesellschafts- und Medienwandel als Herausforderung für den öffentlichen Rundfunk«, in: Peter Christian Hall, Öffentlichkeit im Wandel. Fernsehen im digitalen Wettbewerb, Mainz: Zweites Deutsches Fernsehen 2007, S. 21-35, hier: S. 27. []

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