Augen im Fenster

MEDIEN UND DIE DIGITALEN ÖFFENTLICHKEITEN

Eben dieses Verständnis steht derzeit auf dem Prüfstand – und daran sind auch die digitalen Öffentlichkeiten vor allem im Bereich der sozialen Netzmedien Schuld: Im Gegensatz zur Öffentlichkeit der Massenmedien entstehen digitale Öffentlichkeiten einzig durch kollaborative Partizipation ihrer Nutzer im Inneren der Zivilgesellschaft; ihre Medien (Text- und VideoBlogs, Soziale Netzwerke, etc.) vermitteln weniger zwischen verschiedenen Sphären, als dass sie diese vermischen. 19 Yochai Benkler hat in seinem Buch The Wealth of Networks das charakteristische Zustandekommen digitaler Formen von Öffentlichkeit so beschrieben: »Die vernetzte public sphere ist nicht aus Werkzeugen gemacht, sondern aus sozialen Praktiken, welche durch diese Werkzeuge ermöglicht wurden.« 20 Benklers Zitat macht zweierlei deutlich: Die medientechnische Basis der digitalen Öffentlichkeiten liefert keine hinreichende Erklärung für ihre Entstehung; der Schlüssel zum Verständnis gerade auch der neu entstandenen und noch neu entstehenden Weisen kultureller Produktionen ist im Wesentlichen in sozialen Praktiken zu suchen. Für das Fernsehen folgt hier: Nicht die Technik, sondern die neuen kulturellen Praktiken stellen die eigentlich spannende, neue Herausforderung dar.
Um zu wissen, womit wir es hier zu tun haben, bleibt ein Blick auf diese Praktiken unersetzlich. Für den Bereich audiovisueller Produktionen ist natürlich YouTube exemplarisch: Als eine Website, die ihren Inhalt ausschließlich aus der aktiven Beteiligung ihrer Nutzer bezieht – die als mediale Plattform mithin nur existiert, weil Nutzer Inhalte mit anderen teilen. YouTube hält eine immense Menge von Filmen bereit und verzeichnet eine enorme Anzahl von Sichtungen. 21 Die Heterogenität des Materials ist groß – ebenso wie die der User: Auf eine für digitale Öffentlichkeit durchaus typische Art und Weise unterläuft YouTube die strikte Trennung von Laie und Profi. Fans laden eigene Filme oder Profimaterial hoch und runter, bearbeiten Videos von Freunden ebenso wie Produkte der Film- und Fernsehindustrie und laden auch diese danach wieder hoch. Das Material ist da, es kommt darauf an, was man daraus macht: Durch Techniken wie Remix und Mashup entstehen innovative Formate, die Material unterschiedlichster Art und Herkunft verbinden.
Anders als der Name suggeriert, hat die Plattform YouTube als Teil der partizipativen Kultur des Netzes mit dem Massenmedium Fernsehen herzlich wenig gemein (sieht man davon ab, dass ein großer Teil des audiovisuellen Inputs seinen Ursprung im professionellen Fernsehen hat): YouTube sendet nicht. YouTube hat zwar Channel, aber kein Programm. YouTube mag für manche mittlerweile Teil jenes allgemeinen Flows sein, den Raymond Williams 1974 als das spezifische ästhetische Merkmal des Fernsehens beschrieben hat – mit Broadcasting hat, was YouTube leistet, gegen die Selbstbekundung nichts zu tun.
Ein prominentes Beispiel soll den zentralen Unterschied der Medialität zwischen sozialen Netzplattformen YouTube und dem Massenmedium Fernsehen verdeutlichen – YES WE CAN, ein Musikvideo aus dem Jahr 2008. YES WE CAN wurde von Will.I.Am, Mitglied der Musikgruppe Black Eyed Peas, am 2. Februar 2008 veröffentlicht. Zunächst produziert für die Publikation bei Dipdive.com, wurde das Video parallel aber auch bei YouTube eingestellt (Dipdive befand sich seinerzeit noch im Versuchsstadium). 22 Das Musikvideo vermischt in Form eines Mashups Auszüge einer von Barack Obama im Laufe des Wahlkampfs in New Hampshire gehaltenen Rede mit von verschiedenen Sängern und Schauspielern gesungenen Teilen eben dieser Rede. Der ganz in schwarz-weiß gehaltene Film montiert Bildsequenzen von Obama und den Akteuren des Songs immer wieder auf unterschiedliche Weise zusammen und gegeneinander – wobei der Song als audiovisuelles Echo auf die Rede in Szene gesetzt ist. Obamas Wahlkampfteam war an der Produktion des Videos nicht beteiligt, hat es aber nach seiner Veröffentlichung auch auf den eigenen Webseiten publiziert. Das Video verbreitete sich viral rasch im Netz. Allein das Posting bei YouTube wurde (mit Datum vom 11.06.2012) mittlerweile über 24 Millionen mal abgerufen; bei Dipdive kommen knapp 5 Millionen dazu. Will.I.Am hat mit dem Song den Webby Award gewonnen, der Song selber einen Emmy (und die Emmy Version verzeichnet bei YouTube wiederum über 2 Millionen zusätzliche Abrufe 23).

Anmerkungen
  1. Ausführlich analysiert habe ich die Genese und Funktion digitaler Öffentlichkeiten in meinem Buch Emergenz digitaler Öffentlichkeiten. Die Sozialen Medien des Web 2.0. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009. []
  2. Benkler, Yochai: The Wealth of Networks. How Social Production Transforms Markets and Freedom. New Haven/London: Yale UP 2006, S. 219 (Übersetzungen aus dem Englischen SM). []
  3. Nach einer aktuellen Statistik, die YouTube anlässlich des siebten Geburtstags der Plattform am 20.05.2012 im Rahmen eines Videos publiziert hat, werden pro Minute 72 Stunden Videomaterial neu eingestellt; 800 Millionen Nutzer schauen 3 Milliarden Stunden Film jeden Monat (überprüft am 23.5.2012). []
  4. Bei YouTube ist das Video unter der URL http://www.YouTube.com/watch?v=jj
    Xyqcx-mYY
    (überprüft am 11.06.2012) zu finden; bei Dipdive unter der URL http://yeswecan.dipdive.com/#/~/videoplayer/0/169/2207/~ (überprüft am 23.5.2012). []
  5. Diese Emmy-Version findet sich bei YouTube unter der URL http://www.YouTube.com/watch?v=SsV2O4fCgjk (überprüft am 23.5.2012). []

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