Augen im Fenster


YES WE CAN demonstriert exemplarisch die für audiovisuelle Praktiken innerhalb der digitalen Öffentlichkeit insgesamt charakteristische Tendenz, klassische Differenzierungen und starre Grenzen zwischen den verschiedenen öffentlichen Sphären und ihren Akteuren zu unterlaufen. Vinzenz Hediger hat das Beispiel aufgegriffen – und unter Bezugnahme auf einen Aufsatz des Soziologen Jeffrey Alexander festgehalten, das Beispiel YES WE CAN zeige, »[… ] YouTube becomes a site for a symbolic fusion of actor and audience […]« 24. Diese symbolische Verbindung von Akteur und Zuschauer, die das Video herstellt, ist auch ein Widerhall der tatsächlichen Verknüpfung von aktiven und passiven Verhaltensweisen im Bezug auf audiovisuelle Produktionen, die auf entsprechenden Plattformen des Netzes mittlerweile nicht nur technisch möglich, sondern eingeübte kulturelle Praxis geworden sind, welche ihrerseits neuartige Formen audiovisueller Medialitäten ausgebildet hat. YouTube-Nutzer können lediglich schauen, was andere produziert haben; sie können, was sie gesehen haben, bewerten, versenden und in andere (eigene oder fremde) Webseiten integrieren; sie können Filmdateien aber eben auch selber hochladen – und sie können sich Filme anderer Produzenten aneignen, bearbeiten und die Resultate danach ebenfalls allen anderen Nutzern der Plattform zur Verfügung stellen.
Ein Fenster ist YouTube jedenfalls nicht.

FERNSEHEN UND DIGITALE KULTUR: VIER MODELLE

Für das Massenmedium Fernsehen ist YouTube mittlerweile ein durchaus ernstzunehmender und auch weitgehend ernst genommener Konkurrent im Kampf um die Aufmerksamkeit der Zuschauer geworden. Und so wie YouTube nur ein Beispiel ist, reicht die Herausforderung, welche die digitale Vernetzung aller Medien für das Dispositiv Fernsehen bedeutet, natürlich weit über die notwendig gewordene Auseinandersetzung mit neuen Wettbewerbern hinaus – unter anderem, weil jene Vernetzung auch eine unumkehrbare Veränderung der eigenen, televisuellen Medialität in Gang gesetzt hat. Das Medium Fernsehen hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe medialer Strategien ausgebildet, um sich an den digitalen Wandel und die veränderten Erwartungen seiner Zuschauer anzupassen; und die das Medium Fernsehen beobachtende Medienwissenschaft hat diese Entwicklungen mittlerweile in einer Fülle von Tagungen und Publikationen beschreibend, analysierend und kritisch begleitet. Ich will im Folgenden vier dieser medialen Strategien vorstellen. Diese Strategien decken keineswegs das gesamte Spektrum gegenwärtiger Entwicklungen ab; mir geht es mithin nicht um eine vollständige, sondern nur um eine exemplarische Beschreibung des derzeitigen Status quo – eine Beschreibung, die darauf abzielt zu zeigen, inwiefern die jeweiligen Strategien die Medialität des Mediums Fernsehen beeinflussen und wie sich die in Gang gesetzten Entwicklungen in den historischen Kontext der etablierten (Selbst)Beschreibungen des Fernsehens einordnen lassen. (Die Frage, ob die Strategien an sich interessant, anspruchsvoll oder auch nur ihrem medialen Umfeld angemessen sind, werde ich lediglich am Rande thematisieren.) Die Beispiele wiederum habe ich, um die Argumentation zu fokussieren, den Angeboten informationsgetriebener Programme der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in Deutschland entnommen.
Die vier Strategien, die ich diskutieren will, sind 1.) die Webpräsenz von Fernsehsendern und ihren Programmen in Form der programmbegleitenden Internetangebote auf eigenen Homepages, 2.) die Webpräsenz der Sender in Form von Mediatheken, 3.) die Adaptionen webspezifischer Medialitäten im Fernsehprogramm und 4.) die Integration genuiner Webproduktionen im Programm.

1.
Natürlich sind Fernsehsender und (fast) alle ihre Sendungen im Jahr 2012 im Internet präsent und aktiv – die Sender mit eigenen Portalen, die einzelnen Sendungen mit entsprechenden, mehr oder weniger stark ausgebauten Angeboten. Das gilt (wie man weiß: zum Leidwesen der Konkurrenz im Printbereich und aus dem Privatfernsehen) auch für die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF und ihre Subkanäle, die seit Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ihre Präsenz mit mehr oder weniger großem Erfolg immer weiter ausgebaut haben. Die Bausteine der programmbegleitenden Internetseiten sind sich dabei sender- und sendungsübergreifend sehr ähnlich. Ein Format wie die ARD-Nachrichtensendung TAGESSCHAU ist hier exemplarisch. Sie bietet ihren Internetnutzern auf der Seite www.tagesschau.de eine spezielle Kurzform der Sendung als Video, sie stellt weitere Videos und Audiodateien zur Verfügung – und bringt Nachrichten auch in Textform. 25 Eine Reihe von Links verweisen ins weitere Angebot, zum Teil auch zu nicht-sendungsbezogenen Inhalten anderer ARD Programme. Das alles hat natürlich mit traditionellem Fernsehen und der spezifischen, televisuellen Medialität wenig zu tun. Wir sehen hier, typisch für Internetauftritte von Fernsehsendungen, ein hypermediales Angebot, das die dem Fernsehen eigene Festlegung auf audiovisuelles Material erweitert – mit Texten, Bildern, Audiofiles, und immer wieder auch komplex programmierten, interaktiven Modulen.
Diese Präsenz von Fernsehsendern im Netz über die sendungs- und programmbegleitenden Angebote, ob auf einzelnen Webseiten oder in ganzen Portalen, bildet, so meine erste These, mediale Paralleluniversen aus. Diese Paralleluniversen haben durch die Verbindung von Text-, Bild-, Video- und Audiomaterial insgesamt stark hypermediale Qualitäten, die zweifellos das Gesamtsystem Fernsehen medial bereichern. Diese Bereicherung wiederum ist einer der Gründe, welche die Rede von dem Fernsehen mittlerweile obsolet machen. Gleichwohl allerdings gilt: Das Medium Fernsehen im engeren Sinne – also als das, was immer noch (und zwar mit unbestreitbar großem Erfolg 26) als klassisches Broadcast-TV gesendet und empfangen wird – bleibt davon im Wesentlichen unberührt.

Anmerkungen
  1. Hediger, Vinzenz: »Youtube and the Aesthetics of Political Accountability« in: Pelle Snickars/Patrick Vonderau (Hg.), The Youtube Reader, Stockholm: National Library of Sweden 2009, S. 252-265, hier: S. 256. []
  2. Die TAGESSCHAU ist übrigens das einzige Fernsehformat, das es in der aktuellen Statistik von Alexa unter die Top 100 innerhalb der Domain .de schafft; mit Rang 75 liegt die tagesschau dabei weit vor ihrem Sender, der ARD, deren Portal www.ard.de auf Rang 181 liegt. (Interessanterweise ist es beim ZDF umgekehrt – hier liegt www.zdf.de an dritter Stelle deutscher Fernsehsender nach RTL (Rang 31) und ntv.de (Rang 70) auf Rang 91, www.heute.de, die Seite der Nachrichtensendung heute, jedoch abgeschlagen auf Rang 599; Quelle: Alexa. The Web Information Company, Top Sites in Germany, zu finden unter der URL http://www.alexa.com/topsites/countries;0/DE; überprüft am 24.5.2012). []
  3. In der durchschnittlichen Mediennutzung, so die ARD-ZDF-Onlinestudie 2011, lag das Fernsehen mit 229 Minuten/Tag im Jahr 2011 vor dem Radio (192 Minuten/Tag) nach wie vor an erster Stelle. Die Internetnutzung lag im selben Jahr bei 80 Minuten / Tag. (Allerdings wächst die Netznutzung rasant – und schon heute sieht es in der Gruppe der unter 14-29jährigen ein wenig anders aus: Hier kam das Internet auf täglich 147 Minuten, das TV knapp dahinter auf 146 Minuten. (Quelle: http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/fileadmin/Online11/EimerenFrees.pdf; überprüft am 20.5.2013). []

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