Augen im Fenster

2.
Neben den programmbegleitenden Angeboten bieten fast alle Sender über ihre Webseiten Nutzern die Möglichkeit an, mehr oder weniger große Teile ihres Programms (auch oder noch einmal) online zu schauen. Die eigens hierzu programmierten Mediatheken sind proprietäre Videoportale, über die Programmelemente zumeist als Stream abgerufen werden können; die Möglichkeit zum Download oder zum Teilen der Videos über soziale Netzwerke ist nur selten gegeben 27, der Abruf ist in den gebührenfinanzierten Angeboten der öffentlich-rechtlichen Anstalten kostenfrei. 28 Beworben werden diese Mediatheken immer wieder unter dem Stichwort »Sendung verpasst?« mit dem Hinweis auf die Möglichkeit, Teile des Fernsehprogramms unabhängig vom Ausstrahlungstermin zu rezipieren. Die Webpräsenz in Form von Mediatheken ist als Übersetzung der fernsehspezifischen Medialitäten und ihrer Ästhetik ins Netz strategisch zugleich als ein Versuch deuten, die Stärken des eigenen Mediums ins neue Medium zu inkorporieren. Mediatheken führen, so meine zweite These, zwar durchaus zu einer intermedialen Verlängerung der Medialität des Fernsehens. Auch dies aber lässt das Fernsehen in der genuin televisuellen Medialität seiner Formate weitgehend unberührt – kaum eine Sendung wird anders produziert, nur weil sie im Anschluss an die Ausstrahlung über Mediatheken im Internet verfügbar gemacht wird.
Auswirkungen hat die Existenz von Mediatheken allerdings als ein Element im Kontext der anfangs bereits zitierten, fortschreitenden Personalisierung und Individualisierung der Fernsehnutzung: Indem sie Zuschauer zu (zeit-) souverä-neren Gestaltern ihrer Rezeptionsweise macht, stellt die Bereitstellung von Sendungen im Internet die Programmhoheit der Sender und ihrer Planungsabteilungen ebenso in Frage, wie es die Verfügbarkeit von Festplattenrekordern auf andere, nicht internetgebundene Weise, zumindest tendenziell, ja auch tut. 29
Auch wenn die Netzaktivitäten der Fernsehsender und ihrer Akteure sich nicht ausschließlich auf die Bereitstellung von programmbegleitenden Informationen einerseits und von Videos der Sendungen selbst andererseits beschränken, stellen beide Strategien doch die derzeit verbreitetsten Versuche des Fernsehens dar, im medialen Umfeld des Internets aktiv zu sein und wahrgenommen zu werden – und zwar: als Fernsehen. Weswegen die Tatsache, dass von diesen Onlinestrategien der Sender die Medialität des Fernsehens weitgehend unberührt bleibt, wenig überraschend ist.
Ein wenig anders ist es nun dort, wo es nicht um Onlineaktivitäten der Sender – sondern um die auf klassischem Wege ausgestrahlten Sendungen geht.

Anmerkungen
  1. Das hat nicht zuletzt rechtliche (vor allem immer wieder: musikrechtliche) Gründe. []
  2. Allerdings werden ARD und ZDF hier durch den Rundfunkstaatsvertrag stark reglementiert und dürfen ihre Programme nur nach strikten Regeln und zumeist befristet online zur Verfügung stellen. Die privaten Rundfunkanstalten bieten ihre Inhalte zum Teil kostenfrei, zum Teil aber auch kostenpflichtig an. []
  3. Noch allerdings hat sich diese Form der Nutzung nicht durchgesetzt: »Insgesamt dominiert […] das klassische Fernsehen gegenüber anderen Verbreitungs- und Nutzungsoptionen nach wie vor zu 96 Prozent« (Engel, Bernhard/Best, Stefanie: »Stream, Audio und Page – die Rezeptionsformen in der konvergenten Medienwelt«, in: Media Perspektiven (2/2012), S. 62-71, hier: S. 73). []

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