Augen im Fenster

3.
Als ein Medium in permanentem Wandel reagiert das Fernsehen immer schon auf soziale, technische und kulturelle Änderungen. Der Stil einer Sendung, das ästhetische Design ebenso wie die Dramaturgie der Kamerabewegungen usw. sind natürlich auch Reflexe auf den gesellschaftlichen Status quo, den die Akteure der Television selbst leben – und den sie vor allem als Lebenswirklichkeit ihrer Zuschauer unterstellen. Schon deswegen ist es kein Zufall, dass experimentelle Adaptionen webspezifischer Medialitäten und ihrer Ästhetik im und durch Fernsehprogramme mittlerweile zunehmen – gerade auf Seiten der Öffentlich-Rechtlichen wohl auch getrieben von der Hoffnung, jüngere Zuschauergruppen, die man über das traditionelle Programm nicht mehr erreicht, mit entsprechenden Angeboten zurück- oder neu hinzugewinnen zu können. So fordert beispielsweise die Redaktion der politischen Gesprächssendung MAYBRIT ILLNER (ZDF) auf ihrer Webseite Internetnutzer auf, via YouTube Videos mit Fragen zur Sendung hoch zu laden – Videos, von denen einige dann tatsächlich in der Fernsehsendung gezeigt und diskutiert werden. Der Zuschauer soll damit Teil der Sendung, der passive Rezipient zum »Prosumer« werden (oder sich doch so fühlen). Der Weg dahin allerdings ist weit: Der interessierte User findet gleich zu Anfang Hinweise auf die rechtlichen Rahmenbedingungen. Folgt er dem entsprechenden Link, gelangt er zum YouTube-Channel der Sendung. Hier nun gibt es neben Ausschnitten aus vergangenen Sendungen und von der Redaktion speziell hergestellten Clips tatsächlich dann auch Videos von Zuschauern/Nutzern. Will ich selbst mein Video hochladen, muss ich auf »Senden« klicken. Danach wiederum erscheint das Formular zum Hochladen – das allerdings erst funktioniert, wenn ich mich mit den Teilnahmebedingungen einverstanden erklärt habe, die zu lesen mich wiederum zurück zur ZDF.de und der dort abgelegten Einverständnis- und Datenschutzerklärung leitet. Man sieht: Die Redaktion hat den Weg zur Partizipation nicht gerade einfach gemacht. Und natürlich wählt die Redaktion nicht nur sehr genau aus, welche der hochgeladenen Videos den Weg in die Sendung schaffen – sondern kontrolliert auch die im Sendungskanal abgelegten Nutzerfilme. Aus der Sicht eines Broadcastmediums ist das selbstverständlich. Allerdings sieht die für YouTube spezifische Art und Weise des Teilens von Inhalten deutlich anders aus.
Experimentelle Adaptionen webspezifischer Medialitäten und ihrer Ästhetik im Fernsehprogramm und dem entsprechenden Internetangebot sind, mit Jay D. Bolter und Richard Grusin gesprochen, Beispiele einer »retrograden Remediation« 30: Das heißt, sie zielen (konträr zum Versuch, die Stärke des eigenen Mediums ins neue zu inkorporieren) darauf, das «alte« Medium Fernsehen durch Übernahme von Eigenschaften des «neuen« Mediums Internet aufzuwerten. Auch wenn es hier nun mittlerweile durchaus anspruchsvolle Beispiele und interessante Ausnahmen 31 gibt, bleibt in den meisten Fällen allerdings, und das ist meine dritte These, die Adaption der Medialität des Netzes an der Oberfläche der Programme: Analog zur ja auch schon historischen Inszenierung von Interaktion mit den Zuschauern über telefonische Call-Ins, die Interaktivität nur suggeriert, aber nicht zulässt, findet hier die Aufnahme von Elementen der Webästhetik und Netzkultur im Programm lediglich als Simulation statt. Ihre (massen-)mediale Logik, der die Dramaturgien der Sendungen ihr strukturelles Gerüst verdanken, hat sie gegenüber den anarchistischen Potentialen der kulturellen Praktiken des Internets bislang über weite Strecken erfolgreich immunisiert.

Anmerkungen
  1. Bolter, Jay David/Grusin, Richard: Remediation. Understanding New Media. Cambridge/MA: MIT Press 1999, S. 184ff. []
  2. Zu den Programmen, die innerhalb ihrer Grenzen den schwer regulierbaren Kommunikationsweisen des Netzes spielerisch und probehalber Raum geben dürfen, gehört im deutschsprachigen Raum aktuell das von Richard Gutjahr entwickelte Social-TV-Experiment RUNDSHOW des Bayrischen Rundfunks, das im Mai 2012 vier Wochen lang auf Sendung war – ein selbst als Politainment apostrophiertes Format, das in Planung und Ablauf der Sendung ganz auf die Partizipation von zuschauenden Internetnutzern angewiesen war, die via Twitter, Facebook oder Google+, über YouTube oder die eigens programmierte App der Sendung mit den Akteuren in der Redaktion und im Studio interagieren konnten. Infos zur RUNDSHOW findet man im Internet unter der URL http://blog.br.de/rundshow (überprüft am 26.5.2012). []

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