Augen im Fenster

4.
Die letzte Strategie, die ich vorstellen will, ist eigentlich gar keine – zumindest insofern nicht, als ihr Einsatz weitgehend notgeboren und deswegen zumeist kein kalkuliertes Element der Versuche des Fernsehens ist, sich an die Anfordernisse der digital gewordenen Medienwelten anzupassen: Die Integration genuiner, audiovisueller Webproduktionen ins Fernsehprogramm. In der Version, die ich meine, ist diese Integration zudem (noch) nicht besonders verbreitet – wenngleich sie gerade im Nachrichtenfernsehen in den vergangenen Jahren zunehmend auftaucht. In Ermanglung aktueller Bewegtbilder eigener Korrespondenten, anderer Sender oder Agenturen greifen Nachrichtenredaktionen weltweit zur Berichterstattung gerade aus Krisengebieten zunehmend auf Material zurück, das Internetnutzer (oft mit dem Handy) aufgenommen und über YouTube, Twitter oder Facebook der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt haben. Die Vorteile liegen hier scheinbar auf der Hand: In vielen Fällen wüsste die Welt anders nicht, was geschieht. Gerade in totalitäreren Gesellschaften hat das Internet, und hier zumal seine sozialen Netzwerke, in den vergangenen Jahren Informationskanäle geöffnet, die sowohl innerhalb der jeweiligen Länder oppositionellen Bürgern zur Kommunikation untereinander wertvolle Dienste geleistet haben, aber eben zugleich auch die Möglichkeit eröffnet haben, Informationen über Grenzen zu senden und internationale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die durch die Integration entsprechender YouTube-Videos in Fernsehnachrichten vollzogene Öffnung der Programme professioneller Anbieter für die Produktionen engagierter Laien ist nicht ganz unproblematisch – und das schon deswegen, weil die Sender vor der fast unmöglichen Aufgabe stehen, zu klären, inwieweit das Material authentisch ist und tatsächlich zeigt, was es zu zeigen behauptet. Diskussionswürdig ist auch die Art und Weise, wie Fernsehredaktionen oft mit den entsprechenden Quellen umgehen: Der Hinweis »Material YouTube« oder »Material aus dem Internet«, der in entsprechenden Beiträgen gerne eingeblendet wird, ist als Quellenangabe zumindest ungenau (und als Rechtehinweis schlicht falsch): Das Internet als solches ist schließlich so wenig ein Archiv wie YouTube ein Sender; zudem hält die Plattform ja auch keine Urheberrechte an den publizierten Filmen. Das tut jeweils der Nutzer, der die Filme hochgeladen hat (und dessen Namen man durchaus nennen könnte …).
Für meinen Kontext entscheidend aber ist, dass eine solche Integration genuiner Webprodukte ins Fernsehprogramm, und das ist meine vierte These, tatsächlich zu einer Rekonfiguration der dem Fernsehen eigenen Medialität im Medium Fernsehen selbst führt – die das Massenmedium mit einer ihm grundsätzlich fremden Aneignungspraxis von Informationen konfrontiert. In Fällen wie der Aufnahme von YouTube-Videos in Nachrichtensendungen kommt es zu einer Vermischung der digitalen und der massenmedialen Öffentlichkeiten, welche die Differenz von aktiver Gestaltung und passiver Rezeption zu unterlaufen beginnt – und damit der traditionellen Logik des Mediums Fernsehen entgegenläuft. Hier sendet das Fernsehen schließlich nicht einfach audiovisuelles Material von Laien, die potentielle Zuschauer sind, von professionellen Fernsehmachern dramaturgisch in Szene gesetzt; nein, hier erlebt und erlaubt ein Massenmedium den Einbruch einer medialen Kultur, deren Produktionsweisen und Verteilungslogiken gänzlich anderen Gesetzmäßigkeiten folgen, mitten ins eigene Zentrum.

AUGEN IM FENSTER

Die mediale Ausdifferenzierung des Fernsehens hat viele Facetten, und sie schreitet, forciert nicht zuletzt durch den digitalen Wandel, diesseits und jenseits des klassischen Broadcasting weiter voran. Auf die Herausforderungen der digitalen Kultur antwortet das Dispositiv Fernsehen mit unterschiedlichsten Strategien, von denen die vier vorgestellten nur einen, allerdings exemplarischen Ausschnitt gezeigt haben. Jede einzelne Strategie erweitert auf ihre Weise das mediale Erscheinungsbild des Gesamtsystems TV. Dabei gilt es allerdings festzuhalten, dass die Digitalisierung der Produktionsmittel (von Kamera und Ton zu Schnittplätzen und Archiven) die Medialität des Fernsehens bislang sichtbar stärker verändert hat als Onlineauftritte von Sendern und Programmen, die in ihren medialen Parallelwelten das Fernsehen selbst weitgehend unberührt lassen. Das mag auch damit zu tun haben, dass die sowieso nur noch als kulturelles Phantasma existierende Grenze von Online und On Air durch das Massenmedium Fernsehen zwar technisch überwunden wurde, im Prozess der Selbstbeschreibung aber, und sei es zur Konturierung eines Gegenmodells, zugleich immer wieder neu erfunden wird. Das Gegenmodell freilich ist keine Fiktion. Die digitale Netzkultur steht mit ihren sozialen Praktiken und den medialen und ästhetischen Formationen, die sie ausgebildet hat, zu jeder Form von massenmedialer Struktur schon deswegen in einem unversöhnlichen Gegensatz, weil die Partizipation der Nutzer, ohne die im Netz nichts wäre, im Massenmedium weitgehend ausgeschlossen bleibt. Unversöhnlich ist der Gegensatz, weil der Ausschluss der Interaktion mit Zuschauern, Zuhörern und Lesern für Massenmedien systematisch ist. »Entscheidend ist auf alle Fälle: daß keine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sender und Empfängern stattfinden kann.« 32 Schon deswegen sind jene Experimente, die mediale Elemente des Netzes in Produktionen des Fernsehens zu integrieren suchen, ebenso spannend wie prekär. Die Neutralisierung der medialen Sprengkraft von Facebook, Twitter oder YouTube durch das Gerüst einer redaktionellen Dramaturgie ist ja für das Massenmedium grundsätzlich überlebensnotwendig (und zwar ganz abgesehen von der jeweiligen Intention). Das Fernsehen bleibt ein Massenmedium nur, solange es zwischen sich und seinen Zuschauern strikt unterscheidet. Und das kann man wiederum metaphorisch sagen: Das Fenster bleibt ein Fenster ja auch nur, solange es den Unterschied von drinnen und draußen gibt. Fehlt die Wand, macht das Fenster keinen Sinn mehr. An jenen Stellen aber, an denen das Massenmedium Fernsehen sich für mediale Produktionen der digitalen Netzkultur öffnet – in Experimenten, die keine Inszenierungen sind, in Sendungen, die Partizipation und Interaktion tatsächlich zulassen und nicht simulieren, oder eben auch dort, wo die gesteuerten Informationsflüsse der Networks mit Material von Kameras, Handys und Rechnern beteiligter Bürger gespeist werden – an solchen Stellen bekommt das Fenster Augen.

Anmerkungen
  1. Luhmann, Niklas: Realität der Massenmedien, S. 11. []

Leave a Reply