Die All-Null

Vorgeschichten des digitalen Horizonts bei Google Earth
ULRIKE BERGERMANN

Editorische Notiz: Der Text ist identisch mit der Fassung in Bildwerte. Visualität in der digitalen Medienkultur, transcript Verlag, Bielefeld 2013, S. 237-258

»Wie das griechische Wort anzeigt, ist ein Horizont eine Öffnung
und zugleich eine Grenze, welche die Öffnung beschränkt …«
JACQUES DERRIDA 1

Der Horizont ist gleichzeitig sichtbar und unsichtbar. Jedes Kind weiß diesen Strich zwischen Himmel und Erde zu ziehen. Wenn man auf den Strich zugeht, weicht er zurück, er ist nie da. Aber er strukturiert die ganze Raumansicht. In dieser fixierten Ferne ist der Horizont als Träger des perspektivischen Fluchtpunkts zum Konstituens der Raumdarstellung geworden (s. Abb. 1). Das perspektivische Dispositiv verlängert sich vom analogen ins digitale Zeitalter. Die Bildgeschichte des Horizonts, die mit der Ballonfahrt und der Raumfahrt (s. Abb. 2) eine fotografische wurde, beerbt Google Earth (s. Abb. 3)2 Der Startbildschirm zeigt die Erde in der gleichen Ansicht, jedenfalls aus der gleichen Distanz, aus der Apollo die Erde zeigte.3

Abb. 1: Zentralperspektivisches Zeichnen: Konstruierter Horizont. Anonym, Stich um 1710
Quelle: Wikimedia Commons

Abb. 2: Erste Aufnahme der Erdkrümmung aus 11.300 m am 31.8.1933 von Alexander Dahl und fast die komplette Rundung des Horizonts auf der Aufnahme aus der Apollo 8 am 8.12.1968 Quelle: Wikimedia Commons & Nasa Public Domain
Abb. 2: Erste Aufnahme der Erdkrümmung aus 11.300 m am 31.8.1933 von Alexander Dahl und fast die komplette Rundung des Horizonts auf der Aufnahme aus der Apollo 8 am 8.12.1968
Quelle: Wikimedia Commons & Nasa Public Domain
Abb. 3:  Startbildschirm von Google Earth Quelle:  Screenshot der  Autorin
Abb. 3: Startbildschirm von Google Earth
Quelle: Screenshot der Autorin
Anmerkungen
  1. Derrida, Jacques: Gesetzeskraft. Der »mystische Grund der Autorität« (Force de loi, 1990), Frankfurt am Main: Suhrkamp 1991, S. 53. []
  2. Das Programm bietet eine Überlagerung von Luftbildern mit Geodaten: Neben bzw. über Bilddaten (Rasterdaten) stellen Vektordaten Straßen, Ortsgrenzen, Verkehrsnetze usw. dar; die Weltkarte lässt sich drehen und zoomen; bei Eingabe eines Ortsnamens in die »Suchfunktion« erfolgt nicht einfach eine Einblendung des Bilds dieses Ortes, sondern eine Flugansicht der Annäherung an diesen Ort. Google kaufte das zugrundeliegende Programm der CIA-finanzierten Firma Keyhole 2004 und veröffentlichte Google Earth 2005. (Bereits 1993 hatte Art+Com in Berlin im Auftrag der Telekom »an der Umsetzung einer interaktiven, dreidimensionalen Visualisierung der Erde in Echtzeit mit stufenlosem Zoom aus dem Weltall bis auf Straßenniveau« mit Satelliten- und Luftbildern gearbeitet und sie unter dem Titel »Terravision« 1994 in Kyoto vorgestellt. Höffken, Stefan: »Google Earth in der Stadtplanung. Die Anwendungsmöglichkeiten von Virtual Globes in der Stadtplanung am Beispiel von Google Earth« (= Graue Reihe des Instituts für Stadt und Regionalplanung, TU Berlin, Heft 19), S. 42.) Bilddaten werden von verschiedenen nationalen Raumfahrtbehörden (seit Ende 2006 etwa der NASA) geliefert und zum größten Teil von Unternehmen wie DigitalGlobe gekauft. Im ersten Jahr nach Veröffentlichung wurde das Programm über 100 Millionen mal heruntergeladen, 2007 zählte die Firma über 200 Millionen Nutzer, im Oktober 2011 eine Milliarde. Die Datenmenge wurde 2006 mit 150 Terabyte angegeben und steigt weiter, v.a. durch die Erhöhung des Bildanteils von Luft- statt Satellitenaufnahmen und 3D-Gebäudeansichten. Die Referenzierung geographischer Punkte geschieht in einem offenen Format (Keyhole Markup Language), so dass Nutzer eigene Informationen mit diesen Punkten verknüpfen und hochladen können (etwa eigene Fotografien, mittels der von Google aufgekauften Webseite Panoramio, mittlerweile mit etwa 3 Millionen Bildern). Seit 2008 gibt es eine kostenlose App für iPhone und Android, seit 2010 für das iPad. Die Erweiterungsversion 6.2 verspricht im Sinne des Web 2.0 neben der verbesserten Verfügbarkeit auf Mobilgeräten auch, eigene Erlebnisse mit anderen teilen zu können. []
  3. Jason Farman schätzte die Entfernung auf 16.000 Meilen: »Once started, the program situates viewers from roughly the same distance to Earth as some of the Apollo 8 whole-earth photographs – about 16,000 miles – and then zooms in on (or ›flys to‹ in Google Earth terminology) the user’s region« (und bleibt dann in einer »Sichthöhe« von 11 km stehen, wie hier abgebildet, U.B.). Farham, Jason: »Mapping the digital empire. Google Earth and the Process of Postmodern Cartography« (2010), in: Dodge, Martin/Kitchin, Rob/Perkins, Chris (Hg.), The Map Reader: Theories of Mapping Practice and Cartographic Representation, Chichester: Wiley 2011, S. 464-470. []

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