Weiß werden


In SHINING gibt es ein bemerkenswertes Beispiel dafür. Nachdem die Familie Torrance das im Winter geschlossene Hotel Overlook bezogen hat, scheint Jack sich mehr und mehr in das Schreiben zu vertiefen. Eine Sequenz zeigt ihn inmitten einer riesigen Hotelhalle während der Arbeit: offenbar schreibend, sinnerzeugend, hoch konzentriert – bis er von seiner Frau Wendy abrupt gestört wird. Doch die Störung hat, wie wir wissen, schon früher eingesetzt und liegt anderswo als in der Unterbrechung des kreativen Gedankenflusses. Was Jack Torrance da in die Maschine und auf das Papier hämmert, das ist die unendliche Wiederholung eines einzigen Satzes: »All work and no play make Jack a dull boy.« Wendy wird das erst später sehen und erkennen – aber wir, die Zuschauer des Films, ahnen bereits in dieser Sequenz, dass etwas nicht stimmt. Während die Ebene der Auditive zunächst noch Zusammenhalt und Stringenz suggeriert (etwa durch das gleichförmige Tippgeräusch des Schreibenden oder auch den Hinweis darauf, dass Wendy sich an eben diesem Geräusch als Verbot des Eintretens orientieren solle), zeigt die Ebene des Visuellen etwas anderes: Wir sehen nicht etwa ein beschriebenes Blatt Papier, sondern nur dessen Leere – die weiße Seite.
Auch diese Ansicht bleibt Wendy verborgen. Entsprechend unbekümmert beginnt sie über vermeintlich Unverfängliches zu plaudern – das Wetter. »Weather forecast says it’s gonna snow tonight«, sagt Wendy. Dieser Verweis vom Innen (der Hotelhalle) ins Außen (der winterlichen Landschaft) kündigt einen Schnee-Einbruch an, den die sich anschließenden Bilder auf die Ebene des Medialen zurückführen.

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Abbildung 1: Schneeverwehungen in SHINING
Quelle: Screenshots von DVD (Warner Home Video 2008)

Nachdem wir in einigen Einstellungen Wendy und Danny spielend im Schnee gesehen haben, kehren wir zurück zu Jack. Die ihn präsentierende Einstellung könnte entrückender nicht sein. Langsam fährt die Kamera auf ihn zu, um sein erstarrtes Gesicht im Close-up vorzuführen. Unheimlich ist dieses Leinwandbild nicht nur, weil es das Antlitz eines Wahnsinnigen zeigt – unheimlich ist es vor allem in seiner Gleichzeitigkeit von Statik und Kinetik. Die Einstellung sieht aus wie ein freeze frame, ein gefrorenes Bild. Dennoch handelt es sich nicht darum, zu sehen ist kein Standbild, sondern ein Bewegtbild. Neben der bereits erwähnten Kamerabewegung sind es kaum merkliche Regungen des Gesichts, die darauf schließen lassen, dass das Bild weiter läuft. Dennoch scheint es so, als würde der Film sich in diesem Moment still stellen, als würde er für einen Augenblick aussetzen. Tatsächlich tut er das auch kurz darauf. Im Anschluss an die Großaufnahme von Jack Torrances Gesicht erscheint ein Zwischentitel mit der Zeitangabe »Saturday«. Wie alle Zeitangaben des Films ist diese Information schwankend – am Ende wird sich zeigen, dass jeder Hinweis auf zeitliche Einordnung eine Falschaussage war. Noch bemerkenswerter ist jedoch die Rückführung auf die Leinwand, die sich hier – ebenso wie das Papier – vom Hintergrund in den Vordergrund zu schieben beginnt.
Beim Erscheinen des Zwischentitels handelt es sich um einen Einbruch, der die Kontinuität der Bewegungsbilder bedroht und zerstört. Denn genau in dem Moment, in dem sich der Zwischentitel als Element eines extradiegetischen Niemandslandes präsentiert, trennen sich der dargestellte Illusionsraum und das Bild, dessen Darstellungsraum nicht länger als homogene Einheit, sondern vielmehr als Ort der heterogenen Einschreibung rezipiert werden muss. Dieser Störmechanismus, der die Konstanz der projizierten Bewegung aufbricht, indem er die Bewegung anhält, ermöglicht eine Form der Distanzierung und Differenzierung, die der Geschlossenheit der innerdiegetischen Illusion entgegengesetzt ist. Der Zwischentitel besetzt somit einen Raum des Dazwischen, der unterschiedliche Elemente der filmischen Gestaltung voneinander trennt und diesen Prozess als solchen lesbar macht. Wenn das, was zur Erscheinung kommt, und dasjenige, was es zur Erscheinung bringt, einander begegnen, dann haben wir es mit einem Reflexionsmoment zu tun, das uns die Prozessualität des Medien-Werdens selbst vor Augen führt.

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