Weiß werden

Wechsel und Wandel sind beim Digitalen also nicht als Abfolge, sondern als Zugleich organisiert, sie werden in das Bild hinein genommen. Damit wird deutlich, dass das digitale Bild selbst nichts Feststehendes hat, sondern immer wandelbar ist. Wenn es sich den Anschein einer bestimmten Gestalt gibt, dann kann es diese Gestalt auch gleich wieder verlieren, es kann immer umgerechnet oder umgearbeitet werden. Lorenz Engell bemerkt:

»Das Plus des digitalen Bildes liegt […] in der Dekomponier- und Rekombinierbarkeit, darin also, dass das Bild gerade nicht Abschluss- oder Endzustand […] und nicht zuletzt deshalb auch aus sich heraus kein Dokument sein kann – außer dem des Verarbeitungsvorgangs selbst.« 16

Das digitale Bild steht nicht fest und hält nichts fest – dennoch kann es etwas zeigen, und zwar die Möglichkeit der Verarbeitung und sogar den Prozess der Verarbeitung. Es ist in der Lage, sich zu ändern, und kann daher auch in besonderer Weise auf einen Umschwung deuten, dem es ja selbst immer schon ausgesetzt ist. Eben hierin zeigt sich dann auch die mediale Bedingung jener Schnee-Landschaft, die der Film THE DAY AFTER TOMORROW entwirft. Das, was den Schnee in seiner Motivhaftigkeit auszeichnet – die unfeste Gestalt, die Charakteristik des Amorphen –, wird auf der Grundlage dessen reflektiert, was es zur Erscheinung bringt. Dabei bewegt sich der Film in einem Feld, das ihn selbst betrifft: Deutet der Schnee auf etwas, das alle Formen annehmen und wieder aufgeben kann, dann steckt der Film mitten drin. Er befasst sich mit dem Widerspiel von Eingrenzung und Entgrenzung, von Konkretion und Abstraktion, von Gestaltbildung und Gestaltauflösung – und letztlich auch mit dem Wechselverhältnis von Blickschärfung und Blicktrübung.
Der Film zeigt den Übergang vom erschließenden zum verschlossenen Blick durch über diejenigen Verfahren, die das Erfassen der Landschaft zunächst ermöglichen, diese Möglichkeit jedoch zunehmend einbüßen. Ein besonderes Beispiel dafür ist das computergenerierte Klimamodell.

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Abbildung 3: Schneestürme in THE DAY AFTER TOMORROW
Quelle: Screenshot von DVD (Twentieth Fox Home Entertainment 2004)

Der Film befasst sich geradezu obsessiv mit dieser Bildform, die er immer wieder ins Blickfeld rückt. Zu sehen sind dabei einfache graphische Formen (etwa als Verlaufskurven von bereits erhobenen Daten), aber auch bewegte, dreidimensionale Simulationen, die die Bewegungen des Weltklimas vor ihrem Vollzug zu visualisieren versuchen (etwa im Bild des drohenden Eissturms, der das unter ihm liegende Land zu vernichten droht). Die Weite und Unermesslichkeit der Landschaft zeigt sich hier als Berechenbares, zumindest in den Berechnungen eines bildgebenden Verfahrens. Nicht nur ist das Land kartografisch erfasst, sondern auch der Prozess seiner Veränderung soll dem Blick zugänglich gemacht werden. Auffällig häufig präsentiert der Film die Visualisierungstechnik der Klimasimulation – und mit ihr eine eigene Operationen der Erfassung und Vermessung von Landschaft und Landschaftsbetrachtung. Doch das, was zunächst wie eine Erweiterung von Blickmöglichkeiten aussieht, ist immer auch schon mit der Gefahr der Blickbeschränkung verknüpft. Denn der Film zeigt nicht nur die Arbeit am Muster, sondern auch seinen Kollaps. Kurz bevor das Modell seine Simulationen zur vollständigen Ansicht einer weltweiten Eis-Landschaft bringen kann, bricht das Bild auch schon zusammen – und mit ihm (recht dramatisch) der Leiter der Forschungsgruppe. Die Rechenkapazitäten sind zu gering um die Datenmengen zu verarbeiten – das System hat den orientierenden Blick verloren. 17 Erneut treffen sich Gestaltbildung und Gestaltauflösung, erneut verschränken sich Aufbruch und Zusammenbruch.

Anmerkungen
  1. Engell, Lorenz: »Die Liquidation des Intervalls. Zur Entstehung des digitalen Bildes aus Zwischenraum und Zwischenzeit«, in: ders.: Ausfahrt nach Babylon. Essais und Vorträge zur Kritik der Medienkultur, Weimar: VDG 2000, S. 183-205, hier: S. 198. []
  2. Zum »medialen Eigensinn« der Computersimulationen bemerkt Claus Pias: »Sie operieren […] selbstbewusst damit, dass ihr Wissen immer schon mit einem hypothetischen Index versehen ist, bekennen sich zu ihrer Fiktionalität, positionieren sich in einem Bezugsrahmen, thematisieren ihre Performanz, wissen um ihre problematische Genese und spezifizieren ihre limitierte Geltung.« (Vgl. Pias, Claus: »Klimasimulation«, in: Lutz, Petra; Macho, Thomas: 2°. Das Wetter, der Mensch und sein Klima, Göttingen: Wallstein 2008, S. 108-115, hier: S. 115). []

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