»Being There!«

Epistemologische Skizzen zur Smartphone-Fotografie
WOLFGANG HAGEN

Editorische Notiz: Der Text ist identisch mit der Fassung in Bildwerte. Visualität in der digitalen Medienkultur, transcript Verlag, Bielefeld 2013, S. 103-131.

 

Yet, no one can deny that a machine can be made to appear to be intelligent.
Erik R. Fossum1

Digitale Bildsensoren in Smartphones heißen »Active Pixel« oder »Camera on Chips« und sind (Stand 2012) so hoch entwickelt, dass es »irrsinnig«2 einfach geworden ist, mit diesen ›Telefonkameras‹ zu fotografieren. Beim iPhone (stellvertretend für alle anderen genommen) sind es zwei Klicks und schon ist das Bild ›da‹. Unheimlich »irrsinnig« irgendwie. Und selbst das vertraute Gefühle weckende Klickgeräusch bleibt pure Täuschung, weil hinter der iPhone-Linse gar kein Verschluss steckt. Für den Foto-Klick spielt das Smartphone ein Audiofile ab; Lautsprecher aus und der Klick bleibt stumm. Ansonsten macht der digitale Bildsensor alles und alles Übrige: Bildausschnitt anzeigen, Bild bearbeiten und »auslösen«. Smartphones sind Netz-Computer, mit denen man jede Art von mobiler Kommunikation erledigen kann, und also auch: fotografieren. Welche Art von fotografischer Bildlichkeit kommt dabei heraus? Sie »Momentfotografie« zu nennen, wäre zwar historisch anschlussfähig, wirkt aber aufgesetzt. Ganz ähnlich, so scheint es auf den ersten Blick, der »Schnappschuss«: »Snapshot photography, images taken by ourselves of ourselves, the self-representation of everyday life, has barely any place at the new electronic hearth«,3 meinte Don Slater in einer der ersten großen Studien zur Digitalfotografie aus dem Jahr 1995. Aber vielleicht ist diese damals – vor der Einführung des Web – noch zutreffende Einsicht anderthalb Jahrzehnte später schon wieder obsolet geworden? Schließlich wäre da noch das schöne alte Wort »Knipsen«. Aber würde man sagen: Das Bild habe ich mit meinem Smartphone »geknipst«?

Wäre das alles nur eine Frage der Bildgeschichte der Fotografie, dann könnte man in der Tat den heutigen Smartphone-Bilder-Boom in der Kontinuität mit den so genannten »Knipsern« (ca. 1890 bis 1980)4 sehen. Um diesen Vergleich wenigstens stichwortartig zu skizzieren: Von 1900 an wurden »Knipser« diejenigen Akteure genannt, die gleichsam auf untersten Stufe des Fotohandwerks standen. Der früheste Nachweis über sie findet sich im Editorial der ersten deutschen Amateur-Foto-Zeitung. Der Herausgeber fordert, dass man endlich »diese ›Knipser‹ durch systematische Anleitung zu tüchtigen Amateurphotographen«5 heranbilden solle. »Knipsen«, so nannte man das Herstellen von Momentaufnahmen aller Art und zu jeder Gelegenheit mit einfachen Kameraboxen auf billigem Filmmaterial. Deren Auslöser machten tatsächlich eine blechern klingendes »Knips«-Geräusch. Die fachliterarische Geringschätzung kam daher, dass hinter den Knipsern Marketingstrategien von heranwachsenden Weltfirmen schon deutlich erkennbar waren (Eastman/Kodak, später auch die deutsche Agfa), vergleichbar zu den Bundle-Geschäftsmodellen der Mobilnetzanbieter und Smartphone-Konzerne heute (Samsung, Apple, Nokia, HTC etc.).6 Fotografieren im Urlaub oder bei Abenteuer-Ausflügen; das Auffinden exotischer Motive (»Photographing Wild Birds In Their Native Haunts«);7 die Herstellung intimer Schnappschüsse oder die Organisation von Fotoreisen – all das und mehr propagierte und organisierte die firmeneigene Zeitschrift »Kodakery« (1913-1931) mit riesigem Erfolg. Zweifellos sind die »Knipser« bis Anfang der 1980er Jahre eine alltagssoziologisch wichtige Komponente in der Entwicklung der modernen Freizeitkultur8 gewesen. Von Anfang an aber gaben sie ein deutliches Zeugnis dafür ab, was Charles Baudelaire schon 1859 gesehen hatte, nämlich dass die Fotografie eben auch (und vielleicht vor allem anderen) eine »neue Industrie«9 repräsentiere. So schlecht sie auch bei den ›Fachkollegen‹ wegkamen, es waren ab 1900 eben diese »Knipser«, die zum medienökonomischen Treiber des weltweiten Fotoindustrie-Booms wurden. In der Hochzeit des Vorkriegs-»Knipsens« (1939) sollen in Deutschland allein bereits über acht Millionen Apparate in Betrieb gewesen sein.10 So viele Smartphones werden heute allein in Deutschland pro Jahr verkauft. Stand Mai 2012 (wir lassen die zig Millionen ›normaler‹ Digitalkameras außer acht) waren »in Deutschland 23,6 Millionen Smartphones als Erstgerät im Einsatz. Das sind 8,1 Millionen oder 52 Prozent mehr als vor einem Jahr.« Es besitzen »41 Prozent aller Handynutzer ab 15 Jahren in Deutschland ein Smartphone.«11 Marktschätzungen gehen von dem Betrieb von weit über einer Milliarde Smartphones in der Welt aus. Die oben genannten Top-Unter-nehmen dieser Branche haben allein in 2010 und 2011 zusammen fast 800 Millionen Geräte abgesetzt.12 Nahezu alle diese Geräte enthalten Kamerachips.

Anmerkungen
  1. Fossum, Eric Roy: Charge-Coupled Analog Computer Elements and Their Application to Smart Image Sensors, Yale University in Candidacy for the Degree of Doctor of Philosophy, May 1984. []
  2. »Photography, once a noble art, has become, thanks to the move to digital, a mental illness«. Farndale, Nigel: Why live your life through a view-finder? http://www.
    telegraph.co.uk/comment/columnists/nigelfarndale/6072964/Why-live-your-life-through-a-view-finder.html
    []
  3. Slater, Don: »Domestic Photography and Digital Culture«, in: Lister, Martin (Hg): The Photographic Image in Digital Culture, London: Routledge 1995, S.129-146, hier S. 131. []
  4. Vgl. Starl, Timm: Knipser: Die Bildgeschichte der privaten Fotografie in Deutschland und Österreich von 1880 bis 1980, München: Koehler 1995. []
  5. Löcker, Hug: »Unser Ziel«, in: Amateur Nr. 1, (1904), S. 1. []
  6. Munir, Kamal A.: »The Birth of the Kodak Moment: Institutional Entrepreneurship and the Adoption of New Technologies«, in: Organization Studies 26:11 (2005), S. 1665-1687. []
  7. N.N., »Photographing Wild Birds In Their Native Haunts«,in: Kodakery (April, 1915), Vgl.: http://www.nwmangum.com/Kodak/kodakery/1504.html []
  8. »Seit den 70er Jahren« scheint manches »darauf hinzuweisen, dass das private Fotografieren seine identitätsstiftende Funktion verloren hat«. T. Starl: Knipser: Die Bildgeschichte der privaten Fotografie in Deutschland und Österreich von 1880 bis 1980, S. 157. []
  9. Zitiert nach: Kemp, Wolfgang: Theorie der Fotografie, Band 1, München: Schirmer-Mosel 1980, S. 110. []
  10. T. Starl: Knipser: Die Bildgeschichte der privaten Fotografie in Deutschland und Österreich von 1880 bis 1980, S. 98. []
  11. Berlin: Bitkom: Presseinformationen 29.5.2012 ; N.N. Wettkampf der Smartphone-Plattformen, http://www.bitkom.org/de/presse/8477_72316.aspx []
  12. International Data Corporation (IDC), http://mobithinking.com/mobile-marketing-to
    ols/latest-mobile-stats#subscribers
    []

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