»Being There!«

Fossums »JOT«s operieren dagegen völlig verlust- und entropiefrei, dafür aber unterliegen sie (Stichwort: ›Tausch von Erinnerung gegen Wissen‹) der Unschärferelation. Ob nämlich ›wirklich‹ zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem Ort x,y (»JOT«) ein Photon da war oder nicht, ist ungewiss und nur wahrscheinlich. Deswegen müssen Fossums »Quanta Image Sensors« aus Milliarden solcher »JOT«s bestehen; sie müssen, nach Maßgabe der quantenmechanischen Messtechnik, im kleinsten Millisekundenbereich mehrfach ausgelesen und immer wieder mit Wahrscheinlichkeitsfunktionen ›überzogen‹ werden. Zu diesem Zweck wird in Fossums Zukunftspixeln rein logisch eine dreidimensionale Würfelstruktur aus Bits (gespeist aus den »JOT«-Informationen) gebildet und aus dieser Datenstruktur das Bild errechnet.63 Derzeit existieren noch riesige technische Probleme: Ein-Photon-Detektoren gibt es im Chip-Nanometer-Format (noch) nicht und Datentransfers im Terra-Bereich »on chip« stehen auch noch in den Sternen. Fossum aber bleibt zuversichtlich und vertraut auf das, was ihn selbst groß gemacht hat, nämlich das so genannte »Mooresche Gesetz«. »Moore’s Law« besagt, dass (von 1965 an gerechnet) alle zwei Jahre sich die Leistung integrierter Schaltkreise verdoppeln. Es handelt sich um ein techno-ökono-misches Gesetz, das die Erzeugung von ständig neuen Computer-Geräte-Booms und die Kartellierung von Geräteherstellern, Software- und Chip-Entwicklern gleichermaßen voraussetzt.64 Apples Umschwung zur Prozessor-Architektur von Intel im Jahre 2005 war nur der letzte Akt dieser Kartellierung, die mit der Allianz von Microsoft und Intel bereits Ende der 1970er Jahre begonnen hat.65 Der Siegeszug der Smartphones bildet insofern einen weiteren, wichtigen Akt auf der konsumeristisch-mikroökonomischen Seite des Gesetzes, auch wenn es längst nicht mehr allein um Intel, sondern, wie im Falle der Smartphones, um spezialisierte (und längst global produzierende) Chip-Hersteller namens Marvell, Broadcom oder eben Omnivision geht. Weil aber tatsächlich alle handelnden Akteure des globalisierten Computer-Industrienetzwerks immer noch auf auf das Mooresche Gesetz als eine gemeinsame »roadmap« eingeschworen sind, kann Fossum bei allen (noch) schier unlösbaren Probleme seiner JOTs so gelassen bleiben. Im Erfolgsfall wäre jedenfalls eine Bildauflösung erreicht – zurück zum Thema »Being There« –, die es zuvor noch nie gegeben hätte: nämlich die »Ein-Photon«-Auflösung einer digitalen Fotografie. Mehr geht nicht. Mit einer solchen Kamera wäre ein Beobachter (-Computer) nicht mehr einfach nur ›da‹, sondern gleichsam ›Super-Da!‹. Es entstünden Hybrid-Präsenzen, weil ein solcher Einzel-Photon-Super-Sensor Dinge sieht, die kein Auge je erspähen könnte.

»Being There« (II):
Schwarmdrohnen und Dehnung der Gegenwart

Ich habe diese Utopie oder Atopie der gegenwärtigen »Active Pixel«-Industrie auch deshalb diskutiert, weil sie eine weitere Pointe der quantenmechanisch-algorithmischen Epistemologie offenlegt. Durch die Digitalisierung des elektromagnetischen Quants würde ein hybrides Medium der All-Präsenz möglich, das geeignet wäre, eine neue, nahezu hyper-reale Dimension der Sichtbarmachung zu erzeugen. JOT-Chips sehen prinzipiell mehr, besser und schneller als jedes bisherige Gerät. Militärisch wäre eine solche Technologie von besonderer Bedeutung, wenn höchstauflösende, minimal kleine Bildgebungs-Chips als »Control, Perception, & Cognition«-Devices in Schwarm-Drohnen eingesetzt werden könnten, deren Entwicklungsforschung in der »Micro Autonomous Systems and Technology Collaborative Technology Alliance« des »US Army Research Laboratory«66 bereits fest etabliert ist. Solche Sensoren ›begegnen‹ ihren Objekten nicht. Sie sind allein auf deren Auffindung, Überwachung und ggf. ihre unmittelbare Zerstörung aus.

Aber mehr noch, und weit grundsätzlicher: Die Allsichtbarkeits- und Allpräsenz-Utopie ist ein signifikanter Teil einer epistemologischen Drift, deren medienindustrielle Produktlinien unsere Gegenwart längst erfasst haben. Es ist die Drift zu einem Prozess der »Präsentifikation«67 aller digital erfassbaren Gegebenheiten und damit zu einer Dehnung oder ›Verbreiterung‹ der Gegenwart selbst. Diese »Struktur einer breiten Gegenwart« schließt ein, dass Vergangenheit nicht länger in einer verschlossenen unzugänglichen Ferne liegt und ebenso wenig die Zukunft »nicht versperrt ist«,68 sondern zu beiden Zeitebenen gleichsam sanfte und allmähliche Übergänge möglich sind. Ich entnehme das Konzept einer ›breiter werdenden Gegenwart‹ den Arbeiten Sepp Gumbrechts, dessen Perspektive im Kontext der Humanwissenschaften ich hier nicht diskutieren kann. Wohl aber seine Ausgangsdiagnose:

Die klassische Zeitordnung (»Chrono-Topie«), unbestritten gültig bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts, wurde, gleichsam ganz frisch, durch die Fotografie um 1840 noch einmal auf den Punkt gebracht: Analoge Fotografie hält Gegenwart fest (im Portrait, im Landschaftsbild, in der fotometrischen Darstellung etc.), um aus ihrer Vergangenheit für die Zukunft zu lernen. So waren die Fotografien Bertillons zu verstehen, der ab 1860 die Gesichter der Kriminellen fotografisch kartographiert (damit wir von ihnen morgen verschont bleiben). So waren Albert Londes Fotografien der Schizophrenen und Hysterisierten zu verstehen (damit wir aus ihrem und damit unserem Schicksal psychoanalytisch lernen); und so war Albrechts Meydenbauers Lebenswerk zu verstehen, der einen fotografischen Weltalmanach der Architektur herstellte, als Leitmaßstab für zukünftiges Bauen.69

Anmerkungen
  1. Vgl. E. R. Fossum: Gigapixel Digital Film Sensor (DFS) Proposal, Nanospace Manipulation of Photons and Electrons for Nanovision Systems, S. 3. []
  2. Vgl. Huff, Howard R.: Into The Nano Era – Moore’s Law Beyond Planar Silicon Cmos, Berlin/Heidelberg: Springer 2009. []
  3. Vgl. im Detail dazu: Hagen, Wolfgang: »Bill Luhan und Marshall McGates. Die Extension des Menschen als Extension der USA«, in: Alexander Roesler (Hg.): Microsoft: Medien, Macht, Monopol, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002, S. 24-47. []
  4. Vgl. Mait, Joseph N.: Micro Autonomous Systems and Technology Collaborative Technology Alliance, US Army Research Laboratory, Februar 2010. []
  5. H. U. Gumbrecht: Diesseits der Hermeneutik. Die Produktion von Präsenz, S. 111. []
  6. Ebd. []
  7. Vgl. Meydenbauer, Albrecht: Handbuch der Messbildkunst in Anwendung auf Baudenkmäler und Reise-Aufnahmen, Halle: Knapp 1912. []

Leave a Reply