»Being There!«

Diese klassische Chronotopie einer »historischen Zeit«, aus der man für die Zukunft lernen kann, ist offenbar durch die Paradoxie der Beschleunigung des sozialen Wandels70 und getrieben von der epistemologischen Verschiebung medialer Erinnerungs- zu Wissenstechnologien im Schwinden begriffen. »Historisch« konnte man, nach der Definition Georg Simmels, ein Ereignis nennen,

»wenn es aus sachlichen, gegen ihre Zeitstelle völlig gleichgültigen Gründen eindeutig an einer Zeitstelle fixiert ist. Also: dass ein Inhalt in der Zeit ist, macht ihn nicht historisch; dass er verstanden wird, macht ihn nicht historisch. Erst wo beides sich schneidet, wo er auf Grund des zeitlosen Verstehens verzeitlicht wird, ist er historisch.«71

Damit ist es in der Epoche der »Diskretisierung« aller Bilder vorbei. Zeitloses Verstehen, gebunden an indexikalische Zeichen in einem Raum-Zeit-Kon­ti­nu­um, ist im digitalen Kontext außer Kurs geraten – aus den oben beschriebenen epistemologischen Gründen. Für ein solches Verstehen gibt es keine intuitive Gewissheit mehr. Komplexere Verstehensakte laufen längst nicht mehr ohne Computer; computergestützte Kommunikationsprozesse (Datenbanken, Web-Researches etc.) sind alltäglich und elementar geworden. Das führt zu einer ständigen Reprogrammierung der »Zeitstellen« historischer Ereignisse und der Inhalte der Geschichte generell – eben zu ihrer stetigen »Präsentifikation«, die damit aber noch keineswegs auf ›sicheren Grund und Boden‹ kommt, sondern – im Gegenteil – eine gleichermaßen schwache Ontologie aufweist wie die Bildlichkeit der digitalen Fotografie selbst.

»Being There« (III): Transfordistische Smartphone-Bilder im sozialen Netz

Damit sind die Elemente zusammengetragen, die das für die Smartphone-Fotografie entscheidende »Being There« verdeutlichen können. Wenn die medienökonomischen Treiber des Moore’schen Computer-Kartells derzeit die Smartphones und ihr Verkaufsboom sind, weil sie Massen von hochintegrierten CMOS-Chips u.v.a. mehr enthalten, dann brauchen wir nach dem, was den Run auf die Smartphones selbst antreibt, nicht lange zu suchen. Es sind die Nutzungs-Erfolge von Facebook & Co., also der Sozialen Netzwerke. Nehmen wir die Umfragen aus dem Jahr 2012: Surfen im Netz (25 min/Tag), Soziale Netzwerke checken (18 min/Tag) hat das Telefonieren (12 min/Tag), also die ursprüngliche Grundfunktion des mobilen Geräts, längst überflügelt. Auf die Frage, was die Probanden mit ihrem Gerät am häufigsten machen, liegt ebenfalls nicht das Telefonieren vorne, sondern, mit 74 Prozent, das Fotografieren.72

Beim Hochladen der Fotos auf Facebook geht es um den Kern der Funktion des sozialen Netzwerks. Es sind Akte einer permanenten Präsentifikation des Selbst, der BildermacherIn und der von ihr verfertigten Bilder. Accounts bei Facebook (um dieses Netzwerk hier prototypisch zu nehmen) sind personalisiert. Mit Smartphones wird wohl nur deswegen weniger telefoniert als fotografiert (offenbar in zunehmender Quantität), weil es in den sozialen Netzwerken, um aufzufallen, auf die Verstärkung der Personalisierung des eigenen Selbst mit den Mitteln der Ästhetisierung ankommt. Hier können wir durchaus Parallelen zu der analogen Knipser-Ära ziehen, aber die wären nicht sehr stark. Analog geknipste Bilder wurden, um sie der Familie und den Freunden zu zeigen, in ebenso mühe- wie liebevoll gebastelte Fotoalben eingeklebt und dann kunstvoll beschriftet. Ein besonderer und eher schon intimer Akt war es dann, das Album vorzunehmen und es gemeinsam mit den Lieben durchzublättern. Das Hochladen und Kommentieren von Bildern auf Facebook erfüllt auf den ersten Blick die gleiche Funktion: Nämlich eine permanente Konstruktion und Restitution der Funktion des Selbst im Kontext der anderen Selbste. Der Unterschied fällt ebenso schnell auf: Es ist keine Praxis mehr im Kontext der Familie oder innerhalb eines engeren, physisch präsenten Freundeskreises. Der Fotograf wird auch nicht eher in den Hintergrund gestellt, sondern ganz nach vorne gebracht. Es geht im sozialen Netz nur um das Ego und sein Umfeld. Dieses Feld, oder eben besser: das Netz der Umgebung dieser Selbstkonstruktionen ist gewoben aus einer selbst gewählten Struktur von »Freunden«. Wie die Ontologie des Bildmaterials selbst (von dem jeder weiß, wie schnell es verschönert oder verfremdet worden sein mag) ist auch die Intimität dieser Vorzeigeakte unvergleichlich schwächer, wenn nicht gar völlig unausgeprägt. Zudem ist, was »Freundin« oder »Freund« in Facebook heißt, von völlig neuer und in jedem Fall wieder von ontologisch äußerst schwacher Art. Facebook-»Freunde« sind zunächst und zuerst nichts Lebendiges, sondern immaterielle, mediale Bestätigungs- und Kontroll-Subjekte, auf die sich allerdings, wie beim Aufgehen eines riesigen Mondes am Horizont, zugleich alle nur denkbaren psychophysischen Wünsche richten können. Dabei geht es, anders als bei dem Knipser-Album, das bestätigende Freizeit-Aspekte reproduziert, auf Facebook um direktes, vielleicht sogar oft genug um folgenreiches Selbst-Marketing im nachfordistischen Wettbewerb. Da existiert nicht nur ein Album auf Facebook. Jeder Alben-Account ist umgeben von (letztlich zahllosen) »Freundes«- Accounts mit deren Alben, die durch die Immaterialität der Fotopräsentation unmittelbar in Konkurrenz zu einander stehen. Das hält keinen Vergleich zu Knipserzeit mehr aus. Es wäre so, also würden sich täglich alle meine Freunde mit mir treffen und wir würden uns ständig Berge von Fotoalben unter die Nase halten.

Anmerkungen
  1. Vgl. Rosa, Hartmut: »Dynamisierung und Erstarrung in der modernen Gesellschaft – das Beschleunigungsphänomen«, in: Jochen Oehler: Der Mensch – Evolution, Natur und Kultur, Berlin/Heidelberg: Springer 2010, S. 284-302. []
  2. Simmel, Georg: »Das Problem der historischen Zeit«, in: Ders.: Gesamtausgabe Bd. 15, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005, S. 288-304, hier: S. 294. []
  3. Report, O2: All About You, June 2012, http://mediacentre.o2.co.uk/Press-Releases []

Leave a Reply