»Being There!«

Smartphone-Fotos auf Facebook haben so auch nur wenig mit einer »autistischen Suche nach der verlorenen Zeit« zu tun. Die Entropie der klassischen Knipser-Foto-Alben ist passé, alle Bilder, die hochgeladen wurden, bleiben kopräsent verfügbar und vergilben nie. Solange sie online gestellt sind, hat sogar Facebook selbst an ihnen Nutzungsrechte. Es geht sowie nie um Vergangenheit, sondern allein um das Jetzt, jetzt, jetzt. Es mag autistisch erscheinen, in derartiger Vielzahl auf das eigene Selbst zentrierten Fotos von sich und von allem, was einen so umgibt, möglichst auffallend immer neue Präsenz zu geben. Wenn man aber hinzunimmt, dass beim digitalen Fotografieren epistemologisch gesehen die Illusion nie vergeht, und wir noch so viele Bilder hochladen könnten, ohne auch nur bei einem einzigen den klaren und unverbrüchlichen »Es-Ist-So-Gewesen«-Eindruck übermitteln zu können – so könnte dieser Hang zur permanenten Befütterung des Accounts mit Bildern auch damit zusammenhängen, dass wir durch pure Iteration nur die illusionäre Schwäche des Mediums selbst auszugleichen suchen, an der immerhin ja unser ›eigenes‹ Selbst hängt, das durch unsere Befütterungen immer größer zu werden scheint. Und selbst wenn wir selbst schon ahnen, dass dieses ganze Medium eine ziemliche Illusion produziert – können wir sicher sein, dass die anderen (also die »Freunde«) das auch so sehen? Illusion (oder nicht?) trifft auf Illusion (oder nicht?): In dieser Ambivalenz funktioniert die doppelte Kontingenz der Kommunikation in sozialen Netzwerken; und auch nur deshalb darf man sie überhaupt »sozial« nennen.

Anders als die alte Knipserfotografie bestätigt das Hochladen von Bildern auf Facebook also keinen gegebenen, mit Mühe erreichten und mit Stolz vorgezeigten Habitus einer vom Arbeitsleben getrennten familialen Gemeinschaft. Kommunikation kam damals zustande, wenn man das Album für den Freundeskreis aus dem Schrank holte. Jetzt aber ist Kommunikation (medial) permanent präsent als doppelt kontingente Konstruktion und Re-Konstruktion einer transfordistischen, auf Vermarktung der eigenen Person gezielten Praxis unter Zuhilfenahme aller ästhetischen Mittel. Facebook ist kein Familienalbum, sondern ein selbstgewähltes Kontrollorgan aus vernetzten Kontrollorganen (namens Freunde und Freundesfreunde), in dem aufzufallen, Aufmerksamkeit zu erzielen und einen Status der Bekanntheit und Beliebtheit zu erreichen, das permanente, stets und ständig, tagtäglich neu zu erstrebende Ziel bleibt. Alle klassischen sozialen Schichtungen, lokale Milieuverbindungen, genetische und andere Familienbindungen, aber auch die historischen Dimensionen von Freundschaftsbeziehungen selbst, werden nach einem stetige Aufmerksamkeit erheischenden Like/Dislike-Muster hin ständig neu gemischt und reorganisiert. Facebook-UserInnen werden überhaupt nicht wahrgenommen,

»wenn sie nicht andauernd etwas ›posten‹, also schreiben, was sie gerade tun, Fotos von sich hoch laden, Alben anlegen, Videos aufnehmen und veröffentlichen oder mit Links angeben, wo sie sich im Internet aufhalten.«73

»›Lade Fotos von Deinem Handy hoch‹ – der Imperativ drückt die Anrufung der UserInnen aus, sich selbst durch das Foto-Objektiv andauernd zu beobachten und diese Beobachtung der eigenen Community vorzulegen.«74

Ich kann an dieser Stelle die reichhaltige Diskussion75 um die Gouvernementalität der Praktiken von Facebook nicht vertiefen. Es genügt, von dem klugen Resümee auszugehen, das ich noch einmal Carolin Wiedemann entnehme:

»Alle drei Elemente, die Marktförmigkeit bzw. Konkurrenzorientierung, die Ästhetik bzw. Kreativität und die Soziabilität bzw. Kommunikativität, ergänzen sich zwar vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Gouvernementalität und bilden erst in ihrer Gesamtheit das Leitbild, das auch auf Facebook angerufen wird, das unternehmerische Selbst. Doch macht das Zusammenspiel dieser scheinbar gegensätzlichen Anforderungen an die User­Innen auch die Ambivalenz des Programms aus: Das Marktförmige bzw. Konkurrenzorientierte bedeutet eine Unterwerfung unter eine neoliberale Rationalität und dadurch deren Verstärkung. Eher oppositionell dazu können die Elemente der Kreativität und Kommunikativität verortet werden, weil sie sich schließlich auf das schöpferische Verhalten der UserInnen und deren sozialen Umgang miteinander beziehen.«76

Vor dem Hintergrund meiner epistemologischen Überlegungen zur Smartphone-Fotografie will ich dem Aspekt der Kreativität eine deutliche Verstärkung verschaffen. Facebook beispielsweise verlangt, dass Profilfotos grundsätzlich »authentisch« sein sollen, also genau das, was digitale Fotografie schon vom Grundsatz her nicht sein kann. Das schafft kreative Freiräume. Nicht also in ihrer gouvernementalen Ordnungsstruktur, wie sie Facebook vorschreibt, sondern in deren Dekonstruktion liegt eine Chance auf Kreativität und Digression der gouvernementalen Subjektkonstitution. Smartphone-Fotos unterliegen keiner Entropie und sie haben nahezu keine materielle Beschränkung. Man kann so lange knipsen, bis irgendein Motiv entstanden ist, das ›passt‹, und zwar in einem unvorhersehbar kreativen Sinne. Fantasie, Fleiß und epistemologische Genauigkeit ist gefragt, will man aus Smartphone-Fotografien das machen, was sie »sind«, nämlich stets veränderbare, volatile und verfremdende Gegenwartsskizzen des eigenen Selbst, die jeder Überwachung trotzen, indem sie sie einfordern und mit ihr das Spiel aufnehmen wollen und, mittels Wissen und erinnerungsvoller Klugheit, auch können. Für solche schnellen Vexierbilder des Witzes, die sich – anders als die klassische Knipserfotografie – sehr gut mit Smartphones herstellen lassen, gilt es, genügend Likes, Links und Anschlusskommentare zu gewinnen.

Anmerkungen
  1. Wiedemann, Carolin: Selbstvermarktung im Netz – eine Gouvernementalitätsanalyse der Social Networkingsite ›facebook‹, Saarbrücken: Universaar 2010, S. 81. []
  2. C. Wiedemann: Selbstvermarktung im Netz – eine Gouvernementalitätsanalyse der Social Networkingsite ›facebook‹, S. 78. []
  3. Um nur die wichtigsten zu nennen: Reichert, Ramón: Amateure im Netz. Selbstmanagement und Wissenstechniken im Web 2.0, Bielefeld: transcript 2008; Reckwitz, Andreas: Subjekt, Bielefeld: transcript 2008; Illouz, Eva: Saving the Modern Soul – therapy emotions and the culture of self-help, Berkeley: University of California Press 2008. []
  4. C. Wiedemann: Selbstvermarktung im Netz – eine Gouvernementalitätsanalyse der Social Networkingsite ›facebook‹, S. 109. []

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