»Being There!«

Im Folgenden möchte ich diskutieren, worin die kulturelle Praxis der Smartphone-Fotografie besteht, die offensichtlich mehr (oder weniger?) bedeutet als bloßes »Knipsen«. Es geht um den Epochenwechsel von der »Kodakery« zur Smartphone-Fotografie, kulturell um den Wechsel innerhalb einer informellen Praxis der familialen Konstruktion des Selbst und fotografisch um ein völlig anderes Bildermachen. Die sozialen Netzwerke als zentraler Austauschplatz für Smartphone-Fotografie sind hier prägend; aber ich gehe noch einen Schritt dahinter zurück: Wie spielt in den fotografischen Epochenwechsel der Übergang vom Analogen zum Digitalen hinein? Welche kulturellen Verschiebungen und sozietalen Repositionierungen des Fotografierens und des Fotografierten kann man beobachten?

Autismus, Grabmal und Vergessen

Auf der Höhe des Nachkriegs-Knipser-Booms legte der Soziologie Pierre Bourdieu auf Basis einer Serie von Umfragen eine auf Jahrzehnte hinaus nachhaltige Theorie vor.13 Bourdieu ging aus vom doppelten Blickregime der Fotografie, das stets zwei Blickachsen zusammenfasst und überlagert. Fotografie ist Ergebnis des Blicks des Subjekts, das fotografiert; und zugleich Ergebnis des Blicks, der vom fotografierten Objekt zurückkommt. Die Amateurfotografie, so Bourdieu, stifte in Bezug auf diese überlagerten Blickregime am Sujet ihrer Bilder eine Art Versöhnung und Legitimität zugleich:

»Mehr als zwei Drittel der Photoamateure […] [machen] ihre Aufnahmen bei Familienfesten oder Freundestreffen […] [So] wird klar, daß die photographische Praxis meist einzig ihrer Funktion für die Familie wegen lebendig bleibt, genauer: durch die Funktion, die ihr die Familie zuweist, nämlich die großen Augenblicke des Familiendaseins zu feiern und zu überliefern, kurz, die Integration der Familiengruppe zu verstärken, indem sie immer wieder das Gefühl neu bestätigt, das die Gruppe von sich und ihrer Einheit hat.«14

Knipser-Fotografie im Sinne Bourdieus ist also Akt einer selbstreferentiellen Konstitution eines familialen Subjekts, das gleichsam vor und hinter der Kamera die gleiche Arbeit verrichtet, nämlich einen Habitus der Gruppe und zugleich einen gewissen sozialen Konventionalismus zu bestärken: »Der Konventionalismus der Pose vor der Kamera verweist auf den Stil der Kommunikation, den eine ebenso hierarchische wie statische Gesellschaft bevorzugt, […] in der die sozialen Regeln des Verhaltens und der Moralkodex stärker betont werden als die Gefühle, Wünsche oder Gedanken der Subjekte«.15 Kurzum, was Bourdieu als Arbeit des Knipsers und der Knipserin beschreibt, ist die auf die Ebene der Fotografie gehobene »fordistische« Lebensführung des zwanzigsten Jahrhunderts, die sich auf die Betonung der Kleinfamilie, lokaler Sozialkontakte und einer geregelten Trennung zwischen Arbeit und Freizeit kapriziert.

Man hat die Erhebungsmethoden Bourdieus bezweifelt16 und sein Kulturmodell kritisiert;17 dem einsichtigen Kern seiner Analyse hat dies bis heute keinen Schaden getan. Bourdieus These von dem Integrations- und Bestätigungsverlangen der Knipserfotografie im familialen Kontext ist in jedem Fall der technizistisch verkürzten Kritik Vilem Flussers an der Knipserfotografie um einiges voraus. Denn Flussers zwar zutreffende Beobachtung, dass der analoge »Knipser eigentlich nichts anderes tue als der Selbstauslöser«;18 und dass es die »Kamera ist«, die ihren Benutzer zwingt, »immer weitere redundante Bilder herzustellen«,19 lässt gleichwohl die entscheidende Frage unbeantwortet, warum die Menschen nur genau so blöde sind, dass sie ihren Apparaten verfallen.

Anmerkungen
  1. Sie reicht bis zu Susan Sontag, vgl. Stiegler, Bernd: Theoriegeschichte der Photographie, München: Fink 2010, S. 331ff. []
  2. Bourdieu, Pierre: Eine illegitime Kunst: die sozialen Gebrauchsweisen der Photographie, Hamburg: Europäische Verl.-Anst. 2006, S. 31. []
  3. P. Bourdieu: Eine illegitime Kunst: die sozialen Gebrauchsweisen der Photographie, S. 95. []
  4. Vgl. Kunde, Wolfgang: »›… halb Kunst…‹. Zu Pierre Bourdieus ›Versuch zum gesellschaftlichen Gebrauch der Fotografie‹«, in: Ästhetik und Kommunikation, Nr. 28 (1977), S. 34-52, hier S. 35ff. []
  5. Leinberger, Michael: »Familie und Fotografie. Zwei außerkulturelle Phänomene?« in: Fotogeschichte Nr. 41 (1991), S. 31-45, hier S. 35. []
  6. Flusser, Vilém: Medienkultur, Frankfurt am Main: Fischer 1997, S. 78. []
  7. Flusser, Vilém: Für eine Philosophie der Fotografie, Göttingen: European Photography 1983, S. 40. []

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