»Being There!«

Die Kette des Lichts

Es ist hier nicht der Ort für eine tiefergehende Diskussion: Eigentlich hätte die Fotografie ein Jahrhundert früher erfunden werden können, ginge es nur um die Frage, ob man wusste, dass gewisse chemische Stoffe (Silberoxyde u.a.) sehr empfindlich auf Licht reagieren. Das war der Fall seit etwa 1730. Damit daraus Fotografie wurde, mussten elektrische Medieneffekte (nämlich die Lichtenbergschen Elektrizitäts-Figuren von 1777) hinzukommen, die dazu führten, dass aus diesen Selbsteinschreibungs-Effekten ›der Natur‹ in stetigen Schritten (über Chladnis akustische Bilder) die Fotografie hervorging.31 Diesen Kontext im Blick zu behalten, ist deshalb wichtig, weil Daguerre und Talbot lediglich zwei Spielarten eines neuen Mediums in die Welt setzten (1839), das seither zwar real, historisch und reell existiert, aber gleichwohl ›als solches‹ unsichtbar bleibt. Dass Licht in silberhalogeniden Verbindungen Silberatome freisetzt, die entsprechend entwickelt, kein Licht reflektieren (und dadurch sichtbare Bilder erzeugen), kann über die ›Unsichtbarkeit‹ der darin ablaufenden atomaren Wirkungen selbst nicht hinwegtäuschen. Wegen der ›Unsichtbarkeit‹ atomarer Reaktionen (für die es nur »operationalistische« Bilder gibt und die dazu gehörige exakte Mathematik)32 bleibt auch das Medium der Fotografie im strengen Sinne unsichtbar. Was wir zu Gesicht bekommen, ob digital oder analog, sind nur die Formen, in denen sich das Medium ausprägt. Allerdings, und nur das macht den Unterschied aus: Die Bindung der Differenz von Medium und Form ist in der analogen Fotografie eine völlig andere als in der digitalen. In der analogen Fotografie existiert sie gleichsam zweimal und tief verschränkt, nämlich als Differenz von Medium und (unbelichtetem) Film und als Differenz von Medium und (entwickeltem) Bild. Das erweckt die täuschende Wirkung, das Medium der Fotografie sei ein ontisch konkretes Ding wie Holz oder Wasser oder Silberhalogenid.

Nahe an diesem ontisch-ontologischen Muster positioniert Bernard Stiegler die »Kette und Kontiguität« des fotografischen Lichts und kann sich dabei auf Roland Barthes Begriff des »spectrums«33 beziehen. Stiegler versteht die Sache so, als sei eine analoge Fotografie tatsächlich ein prismatischer Körper besonderer Art, so dass wir sagen können: »Es-Ist-So-Gewesen«.34 Durch die Belichtung qua Linse und kurze Öffnung des Verschlusses wird die plane Struktur eines belichtbaren chemischen Films im Fotoapparat mit Entropiegewinn irreversibel zerstört (»das Unveränderliche«). Es handelt sich dabei um einen kontinuierlichen Prozess. Nach dem Einzug der Quantentheorie in das Verständnis der Fotochemie müsste man allerdings, wenn auch minimal, korrigieren: »Bei der Bildaufzeichnung mit einem Silberhalogenidfilm werden die Bildsignale analog als optische Dichten registriert; diese Aufzeichnung ist quasikontinuierlich hinsichtlich Ort und Dichte.«35 Wer noch als halbes Kind eine Agfa-Box (das von Günther Grass so gerühmte Pendant zur Kodak)36 zu bedienen hatte, der erinnert sich, dass man beim Einlegen der Filmrolle in den Fotoapparat bedächtig und lieber im Dunkeln hantierte. Auch das war ein quasi-ontologisches Moment der analogen Fotografie: Ohne das Einlegen eines »frischen« Films ging nichts. Danach brachten wir ihn »zum Entwickeln« (beim Fotohändler). Oft genug ist vorgekommen, dass der Film schon schwarz, blau oder grün ausbelichtet war und alle »Fotos« waren verloren. Die optischen Dichten der analogen Fotografie bilden bekanntlich ein »latentes Bild«, in dem Ort und Intensität der durch Lichtreaktion veränderten Stoffe raumzeitlich gekoppelt bleiben und das in einer in stetiger Zeit laufenden »Entwicklung« unterworfen werden muss (»(1) Entwickeln → (2) Stoppen → (3) Fixieren → (4) Wässern → (5) Trocknen«).37 Erst daraus wird dann das »sichtbare « Bild. Diese irreversible Kette von Bild-Belichtung und Bild-Entwicklung bestärkt uns, so Stiegler, in dem »Glauben« an die Zeugenschaft des fotografischen Bildes.

Anmerkungen
  1. Vgl. Pfannkuchen, Antje : »… ob man nicht vielleicht dereinst würde ein Mittel erfinden die Bilder der Camera obscura auf dem Papier stehen bleiben zu machen (a 220) – von Lichtenbergischen Figuren und der Erfindung der Fotografie«, in: Promies, Wolfgang (Hg.): Lichtenberg Jahrbuch, Heidelberg: Universitätsverl. Winter 2009, S. 77‑90. []
  2. Vgl. Hagen, Wolfgang: »Die Entropie der Fotografie – Skizzen zu einer Genealogie der digital-elektronischen Bildaufzeichnung«, in: Herta Wolf (Hg.): Paradigma Fotografie. Fotokritik am Ende des fotografischen Zeitalters. Band 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2002, S. 195-235. []
  3. Barthes, Roland: Die helle Kammer: Bemerkungen zur Photographie, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1986, S. 17. []
  4. Ebd., S. 87. []
  5. Team Agfa-Gevaert Ag: Fotografie. Frankfurt am Main: Fonds der Chemischen Industrie 1999, S. 5. []
  6. Vgl. Grass, Günter: Die Box. Dunkelkammergeschichten, Göttingen: Steidl 2008. []
  7. Team Agfa-Gevaert Ag: Fotografie, S. 18. []

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