»Being There!«

Das indexikalische Zeichen

Es handelt sich dabei übrigens um eine Kette mit großer Geschichte, denn sie veranlasste schon Charles Sanders Peirce um 1884 zu der Definition seines berühmten »indexikalischen« Zeichenbegriffs. Eine Momentfotografie (analog, wie Peirce sie einzig kannte) gilt für ihn nicht als »Icon«, also als Zeichen auf Basis von Ähnlichkeit, auch nicht als »Symbol« (ein Bedeutungsträger aus Gewohnheit) sondern als »Indikation« oder »Index«:38

»Photographs, especially instantaneous photographs, are very instructive, because we know that they are in certain respects exactly like the objects they represent. But this resemblance is due to the photographs having been produced under such circumstances that they were physically forced to correspond point by point to nature.«39

An dieser Stelle markiert Bernard Stiegler den entscheidenden Umbruch:

»Das digitale Photo setzt einen bestimmten spontanen Glauben außer Kraft, den das analoge Photo in sich birgt. Betrachte ich ein digitales Photo, kann ich nie völlig sicher sein, ob das, was ich sehe, wirklich existiert, sowenig ich sicher sein kann, daß es nicht existiert, denn es handelt sich immerhin um ein Photo.«40

Den hier außer Kraft gesetzten »Glauben« nennt Stiegler eine »techno-intuitive Wissensart«.41 Wenn Peirce also vom einem »physikalischen Zwang« sprach, dann wäre das nicht mehr und nicht weniger als eine technische Intuition. Der »Glaube« an die Fotografie ist demnach eine Wissensart, die (synekdochal) an eine Epistemologie gekoppelt ist und einige ihrer zentralen Voraussetzungen intuitiv übernimmt. Halten wir fest, welches die Voraussetzungen sind im Fall der analogen Fotografie. Es sind das Raumzeitkontinuum der optischen Dichte und die irreversible Entropie der Belichtung eines latenten Bildes sowie die ebenso irreversible Auswaschung (»Entwicklung«) des ›fertigen‹ Negativs.

Operator, spectator, spectrum

Welcher »techno-intuitive« Glaube aber gehört zur Epistemologie der digitalen Fotografie? Die Unterscheidungen aus Roland Barthes »Die Helle Kammer« (die sich – 1980 geschrieben – wie ein Rettungsversuch kurz vor einem epochalen Umbruch ausnehmen) sind hier ganz hilfreich. Barthes zerlegt die Fotografie bekanntlich in drei Perspektiven, nämlich in die des »operators«, des »spectators« und die des »spectrums«: »Der operator ist der Photograph. Der spectator, das sind wir alle, die wir […] Photos durchsehen. Und was photographiert wird, ist Zielscheibe, Referent, eine Art kleines Götzenbild, vom Gegenstand abgesondertes eidolon, das ich das spectrum der Photographie nennen möchte«.42 – Den Unterschied zur analogen Fotografie machen zunächst die verblüffend einfachen Handhabungen des »operators«. Barthes bekennt gleich zu Anfang, er selbst sei nie Fotograf gewesen, »… nicht einmal Amateurphotograph; dafür habe ich zu wenig Geduld: ich muss auf der Stelle sehen können, was ich gemacht habe«.43 Mit einem iPhone wäre also auch ein Roland Barthes Fotograf geworden: Kein Sucher, sondern farbiges Display; keine Blende, keine Schärfe, keine Belichtungszeit – das regelt der Sensor ›selbst‹. Mit einigen Zusatztools kann man einfach mit dem Finger auf den Bildbereich zeigen, für den die »Blende« für das Gesamtbild eingestellt werden soll (Image-Processing Software steckt dahinter). Sowieso gibt es da nichts Materielles, das schon beim Einlegen ›fehlbelichtet‹ werden könnte. Und es gibt so viel Speicherplatz, dass der digitale »operator« geduldfrei (also ganz und gar ungeduldig) drauf los knipsen kann. Hauptunterschied hier: Das Blickregime des analogen Fotografen war von der Sorgfalt und dem Zeitaufwand geprägt, den der »operator« bei der Einrichtung des Bildes aufzuwenden hatte. Für Jim Rakete, professioneller Pop-Fotograf, ist es dieses operative Momentum, das den ganzen Unterschied macht: »Das Foto [ist] auch ein Ergebnis einer Begegnung […] Wenn ich heute Sachen sehe, die eindrucksvoll bearbeitet sind, kann ich sagen, das ist gut gemacht. Aber das Bild hat diese Kraft von Begegnung nicht mehr. Es hat keine Zeitzeugenschaft.«44 Rakete hat Recht: Der Sensor, der ja alles technisch Nötige für das Bild schon eingerichtet hat, bevor wir Operatoren nur die Augen aufschlagen, ›begegnet‹ seinem Objekt nicht.

Auch für den »spectator«, also den Bildbetrachter, ändern sich vor allem die Zugangs- und die Zeit-Schwellen. An digitale Bilder schnell und verlustfrei heran zu kommen, ist das Einfachste von der Welt. Kein Materialversand, kein Papierverbrauch. Am besten wird der digitale »spectator« heute Mitglied auf den verfügbaren großen Foto-Portalen der Welt (Facebook, Flickr, Instagram, fotocommunity, Picasa, jappa24, 550px etc.), stellt dort seine eigenen Fotos ein und kann dafür in Millionen anderen herum stöbern.

Anmerkungen
  1. Peirce, Charles Sanders: What Is a Sign?, 1894 http://www.iupui.edu/~peirce/ep/ep2/ep2book/ch02/ch02.htm, §3 []
  2. Ebd., §4. []
  3. B. Stiegler: »Das diskrete Bild«, S. 166. []
  4. Ebd., S. 179. []
  5. R. Barthes: Die helle Kammer: Bemerkungen zur Photographie, S. 4. []
  6. Ebd., S. 17. []
  7. Rakete, Jim: »Fotos sind Ergebnisse von Begegnungen«, in: Kultur und Politik 09 (Februar 2012), www.kulturundpolitik.de/aktuelles/fotos-sind-ergebnisse-von-begegnungen []

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