»Being There!«

Quantenmechanik und Algorithmen

Die größte Differenz zwischen dem Analogen und dem Digitalen, was technointuitive Glaubensfragen betrifft, liegt im »spectrum« der Fotografie: Digital existiert keine »fotolytische« oder »spektralistische« Kette des Lichts. Peter Lunenberg nannte das schon Anfang des Jahrhunderts den »breakdown of the indexical relationship between the photograph and its referent«.45 Ineins damit brechen auch gleich alle denkbaren Techno-Intuitionen zusammen. Denn wie soll man auch nur annährend »intuitiv« beschreiben, was in einem »OV8830 Ultra Compact 8-Megapixel CMOS Image Sensor«46 der Firma Omnivision vorgeht, der z. B. in einem iPhone 4s aus dem Jahre 2012 steckt? Während uns die Vokabeln zur analogen Fotografie (»latentes Bild«, »Korrespondenz«, »Kette« etc.) vergleichsweise leicht über die Lippen gehen, scheint es im Digitalen schon die Sprache selbst zu sein, die zur Beschreibung der gegebenen Sachverhalte völlig anders läuft. Entweder uns fällt gar nichts ein (weil wir nichts wissen), oder wir verweisen auf irgendwelche Buttons und Icons, die bei dem einen Gerät so aussehen, bei dem anderen irgendwie anders, aber doch ähnlich.

Ohne an dieser Stelle auf die Historie der »operationalen Bildlichkeit« (die nicht zufällig aus der Quantenmechanik kommt) eingehen zu können,47 möchte ich zunächst mithilfe solcher einfachen operationalen Bilder die Übersicht behalten und den Prozess, ganz vergröbernd, in fünf Schritte zerlegen. In der Digitalfotografie wird a) in zig Millionen winzigen »Pixel«-Zellen Licht in Strom und b) der Strom in Bits gewandelt; c) aus den Bits wird ein Bilddatensatz gebildet; d) optische Gegebenheiten der Kamera (Linse, Pixelfehler, Farbkorrekturen, Ausschnitt, Focus, Helligkeit, Kontrast etc.) werden hinzu und/oder heraus gerechnet; e) über die Bildschirmspeicher der Display-Systeme wird der so gewonnene Datensatz ausgelesen und elektronisch wieder abgebildet. Sehen können unsere Augen bekanntlich nur analog. Epistemologisch gesehen ist die Herstellung eines »digitalen« Fotos also eine Koppelung von quantenmechanischen (Photonen zu Elektronen), elektronischen (Analog-Digital-Wandlung und vice versa), optischen (Linsen-Korrekturen etc.) und algorithmischen Verfahren (Bit-Strukturen). Selbst das »Digitale« am »digitalen« Bild ist also eher nur eine Synekdoche, weil »digital«, genauer besehen, nur ein Teilprozess des Verfahrens ist.

Anmerkungen
  1. Lunenfeld, Peter: Snap to grid : A Users Guide to Digital Arts Media and Cultures, Cambridge Mass: MIT Press 2000, S. 62. []
  2. Vgl. Product Brief: Ov8830 8-megapixel, OmniVision (2011) http://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=0CFcQFjAA&url=http%3A%2F%2Fwww.ovt.com%2Fdownload_document.php%3Ftype%3Dsensor%26sensorid%3D102&ei=HVIhUL_YL8vdsgaZzYHABw&usg=AFQjCNHUrv6D7NqrhuBjYBifwfIckJcKoQ&sig2=ugVwTT_FfcKGh3t8Dl18XA []
  3. Vgl. im Detail dazu: W. Hagen: »Die Entropie der Fotografie – Skizzen zu einer Genealogie der digital-elektronischen Bildaufzeichnung«, S. 216ff. []

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