»Being There!«

Diskrete Bilder

In diesem Sinne hat Bernhard Stiegler einen verallgemeinerten Begriff für die neue Lage vorgeschlagen: »Tatsächlich beginnt mit dem analog-digitalen Bild eine systematische Zerlegung von Bewegung in diskrete Elemente (discretisation) und das heißt auch: ein umfassender Prozess der Grammatikalisierung des Sichtbaren.«48 In seinem Text zum »diskreten Bild« vergleicht Stiegler die Tiefe der Transformation vom Analogen zum Digitalen – philosophisch wahrhaft ambitioniert – mit dem epochalen Übergang zur Schrift an der Schwelle des Abendlandes, so wie es »im siebten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung im alten Griechenland geschah, als sich mit der Ausbreitung der alphabetischen Schrift die Diskretisierung der mündlichen Rede vollzog.«49 Wie seither die (zeitgleich entstehende) Rhetorik und ihre Medien (Schrift, Buch, am Ende Fotografie und Film) einer aus der Schriftlichkeit folgenden, diskretisierenden Kritik unterzogen wurden (inklusive der Evolution von Wissenschaft und Technik), so befänden wir uns nunmehr an der Schwelle einer vergleichbaren Entwicklung.

»Ich möchte mich zum Schluß mit der folgenden, noch ganz programmatischen Hypothese vorwagen: Das Leben (anima, auf der Seite des mentalen Bildes) ist immer schon Kino (Animation, auf der Seite des gegenständlichen Bildes). Die technologische Synthese ist ebensowenig ein Replikat, eine Dublette des Lebens, wie die Schrift eine Replikation der mündlichen Rede ist. (..) Lesen kann nur, wer schreiben kann. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis wir Bilder analytisch sehen können: Bildschirm (l’écran) und Schriftlichkeit (l’écrit) stehen nicht einfach in Opposition zueinander.«50

Wenn Stiegler Recht hätte, sollten wir uns nicht wundern, von wie viel Blindheit wir umgeben sind. Da stünden wir also am absoluten Anfang (etwa in der Zeit Platos) und hätten überhaupt erst zu lernen, wie unser Dasein und Denken verwoben ist in einer algorithmisch durchkonstruierten Welt. Um ihre Chancen zu nutzen, müssten wir zunächst (neu) »schreiben« lernen. Entsprechend besser könnten wir verstehen, unsere internen neuronalen Wahrnehmungskonstruktionen mit den techno-medialen Bildsystemen der externen Welt in einer spezifischen Art von Äquivalenz zu verweben. Wiewohl hier unverkennbar eine aus der Kybernetik herkommende Argumentfolie mitschwingt, spricht Stiegler nicht vom Programmieren. Genau das ist das ›neue Schreiben‹. Denn die Welt des Digitalen ist eine auf programmierten Maschinen gebaute Welt. Ihre Programme basieren auf diskreten Zeichenstrukturen (geschrieben in fälschlich »Sprache« genannten Sprachen: Assembler, C, C++, Java, Flash etc.), die einen Computer repräsentieren und ihrerseits einen realen Computer (wenn alles gut geht) zum Laufen und zum Halten bringen. Aber niemand und nichts kann beweisen, dass auch nur ein einziger programmierter Computer so läuft, wie sein geschriebenes Programm es ›eigentlich‹ vorschreibt. Auch der »reale« Computer besteht wieder aus zahllosen (in Chips ›aufgedampften‹) Zeichenstrukturen, die oft genug wiederum ihrerseits von Computern ›geschrieben‹ wurden. In Wahrheit also beruht die Diskretisierung des Digitalen auf zahllosen, nicht-festen und kritischen Koppelungen von Zeichenstrukturen, die je einen Computer repräsentieren, der mit Computern gekoppelt ist. Alle diese Koppelungen aber ›schreiben nicht das Analoge an‹ so wie die vokalalphabetische Schrift geschaffen wurde, um die gesprochene Sprache auszudrücken. Computer sind keine Aufschreibesysteme wie die Schrift. Wir können Schrift beim Schreiben korrigieren und falsch Geschriebenes intentional – mit doppelter Kontingenz – aus dem Kontext ›richtig‹ lesen. Ein Computer aber kann sein Programm nur entweder richtig oder falsch lesen, kleinste Programmierfehler führen zu größten Katastrophen. Ein Computer kann zwar Kontingenzen simulieren (z. B. bei einer ›treffenden‹ Antwort nach einer Google-Suchabfrage), aber keine Kontingenz in Bezug auf seine eigenen Operationen ›verstehen‹.

Anmerkungen
  1. B. Stiegler: »Das diskrete Bild«, S. 165. []
  2. Ebd., S. 176f. []
  3. B. Stiegler: »Das diskrete Bild«, S. 180. []

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