»Being There!«

»Being There« (I):
Das digitale Licht und das Moore’sche Gesetz

Eric Fossum, der Entwickler der »Active Pixel«-Technologie der heutigen Smartphone-Kameras, spricht von einem »Being There«,58 also von einer Art digitaler Präsenz, die das Fotografieren mit seiner Technologie ermöglicht. Fossum hat durchaus Recht. Da ein Smartphone neben einem Kamera- auch einen Telefoncomputer repräsentiert, ist das smartphonierend-fotografierende Dasein immer ein verortetes und lokalisiertes Dasein. Mit dem Smartphone bin ich in einem ebenfalls medialen Sinne da, weil meine Gegenwart an einem Ort wiederum bloß eine pure Form ist. Sie hat mit mir (zum Beispiel, wenn ich mein Handy verloren habe) nichts zu tun, sondern besteht nur in dem Unterschied dieses Gegenwarts-Ortes zu anderen. Smartphone-Gegenwarten können jederzeit (Datenschutz hin oder her) ›trianguliert‹ und noch lange im Nachhinein festgestellt werden, abgespeichert auch in den Metadaten der Bilder, die ich auf Facebook herumschicke. Schon vor mehr als zehn Jahren hat Tom Levin hierzu angemerkt: »Heutzutage hat der überwachende Blick (möglicherweise zum ersten Mal) seine abschreckende Wirkung voll und ganz verloren, wurde er im Gegenteil zu jenem Blick umgedeutet, der einem Ereignis überhaupt erst den Status der Realität verleiht.«59

Fossums »Being There« (Hat er Peter Sellers in Hal Ashbys Film gesehen?)60 enthält noch einen weiteren Aspekt. Der wird deutlich, wenn man das Ziel seiner Forschungen in Betracht zieht: »Much interesting work lies ahead as we move the digital divide as close as possible to the digital nature of photons.«61 Die »digitale« Natur der Photonen? Photonen, die kleinsten »Teilchen« des Lichts, die masselosen elementaren Quanten des elektromagnetischen Feldes, sind Items, die physikalisch und mathematisch eine hochkomplexe Beschreibung verlangen; sie schlichtweg für »digital« zu erklären, kann wiederum nur Sinn im Kontext einer radikal operationalistischen Epistemologie machen. Die »Natur« von Photons ist nämlich in Wahrheit völlig irrelevant, wenn Detektoren (»JOT«s), wie Fossum sie bauen möchte, existieren, deren Output nicht mehr Elektronen (und damit Stromflüsse) sind, sondern die pure Information über das photonische Signal (»Photon« war »da«/«nicht da«) als 0 oder 1. Ein Fossumsches »JOT«62 ist ein Ein-Photon-Pixel (Jota bezeichnet im Griechischen das kleinstmögliche Ding, weil es der »kleinste« Buchstabe im Alphabet ist). Fossum hat die Analogie zum Analogen im Sinn und erklärt uns, dass er mit seinen »JOT«s jene Silberhalid-Kristallkörner in analogen Fotofilmen nachbilden möchte, in denen, quantenphysikalisch-operationalistisch gesehen, auch nur ein Photon ein Silberatom herauslösen könnte, allerdings, wie schon gesagt, irreversibel, entropisch und nur durch »Entwicklung« indirekt sichtbar, unter Zerstörung des ursprünglichen Silberhalid-Kristalls.

Anmerkungen
  1. Eric Fossum, Consultant, Samsung Semiconductor R&D Center February 26, 2010; Fossum, Eric: Image Sensors for Digital Cameras: Shedding Light on How They Work, http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=4XB0BQ0mvkc []
  2. Levin, Tom: »Die Rhetorik der Überwachung«, in: Sievernich, Gereon (Hg): 7 Hügel – Bilder und Zeichen des 21. Jahrhunderts, Band IV: Zivilisation, Berlin: Henschel 2000, S.49-64, hier: S. 64. []
  3. In Hal Ashbys Oscar-gekröntem Film Being There von 1979 spielt Peter Sellers »Chance«, einen Gärtner, der nicht lesen und nicht schreiben kann, nie das Haus seines Herrn verließ und alles über die Welt nur weiß, weil er ständig Fernsehen schaut und dabei ständig durch alle Kanäle zappt. []
  4. Fossum, Eric R.: Photons to Bits and Beyond the Science and Technology of Digital Imaging, E.R. Fossum 2011, www.ericfossum.com/Presentations, Folie 52 []
  5. Vgl. Fossum, Eric R.: Gigapixel Digital Film Sensor (DFS) Proposal, Nanospace Manipulation of Photons and Electrons for Nanovision Systems, 2005, www.ericfossum.com []

Leave a Reply