Einleitung Kapitel 1

Transmedialisierung des Wissenstransfers
GUNDOLF S. FREYERMUTH

Editorische Notiz: Der Text ist identisch mit der Fassung in Serious Games, Exergames, Exerlearning. Zur Transmedialisierung und Gamification des Wissenstransfers, transcript Verlag: Bielefeld 2013, S. 15-22.

Jede Epoche konstruiert ihren eigenen Wissensraum. In den jeweils gültigen Verfahren, Informationen zu sammeln, zu ordnen, zu tradieren und zu lehren, reflektiert sich der zivilisatorische Stand. Vorindustriell pflegte Wissensvermittlung zwischen den Polen Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu schwanken, wenn auch zwischen Antike und Renaissance oder Renaissance und Aufklärung in höchst unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen. An dieser grundsätzlichen epistemologischen Struktur abendländischer Wissensvermittlung änderte sich mit der einsetzenden Industrialisierung zunächst nur wenig. Dennoch kam es im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einschneidenden Umbrüchen.

Zum einen verschoben Massenalphabetisierung und die Einführung diverser Massendruckverfahren sukzessive die Dominanz mündlicher Instruktion zugunsten schriftlicher Vermittlung. Dieser Prozess lässt sich auch als Verschriftlichung und damit Verwissenschaftlichung einer wachsenden Zahl von gesellschaftlichen Bereichen begreifen, die zuvor überwiegend auf mündlicher Kommunikation und Tradierung basierten, auf vorbildhaften Anlernverfahren, Meister-Schüler-Verhältnissen, persönlichen Interaktionen zwischen Lehrenden und Lernenden.

Zum zweiten wurden elaborierte Verfahren zur arbeitsteilig-hierarchischen Bewältigung materieller Produktion entwickelt. Deren Erfolg führte zu ihrer Übernahme auch in andere gesellschaftliche Bereiche, etwa in die Verwaltung der industriellen Massen, die (massen-) kulturelle Produktion, die organisierte wissenschaftliche Forschung sowie schließlich in die schulische und universitäre Lehre. Die industrielle Ordnung des Wissens, die sich so zwischen Aufklärung und Postmoderne etablierte, gründete auf der Taylorisierung der Produktion von Wissen wie seiner weitgehend über das Medium der Schrift standardisierten Vermittlung.

Spätestens allerdings seit Beginn des 20. Jahrhunderts – in der zweiten und dritten Phase der Industrialisierung – arbeiteten diesem Prozess der Verschriftlichung eine Vielzahl von Anstrengungen entgegen, die monomediale Konzentration der Wissensvermittlung durch Hinzuziehung neuer industrieller Medien zu konterkarieren. An nahezu jedes von ihnen – Fotografie, Telefon und Schallplatte, Film und Mikrofiche, Radio, Fernsehen und Video – knüpften sich zeitgenössisch denn auch große, im Nachhinein höchst übertriebene Bildungs-Hoffnungen. Dass sie sich nicht erfüllten, hatte vielfältige Gründe, kulturelle und soziale, vor allem aber technische und ökonomische: Die diversen analogen Verfahren der Ton- und Bildaufzeichnung sowie die Distribution von Tönen und Bildern blieben in der Herstellung und Handhabung zu technisch-umständlich und arbeitsteilig-aufwändig, um im Alltag von Forschung und Lehre genutzt zu werden, ob nun von Forschenden und Lehrenden oder von den Lernenden.

Scheiterte unter den Bedingungen industrieller Technologie also der Versuch einer Multimedialisierung des Wissenstransfers weitgehend, so scheint sich nun dessen Transmedialisierung mit digitalen Mitteln zu realisieren. Diesen aktuellen Wandel, den nach der Industrialisierung zweiten großen Bruch in der Produktion und Tradierung von Wissen, befördert dreierlei. Erstens die doppelte Demokratisierung der Verfügung über die technischen Mittel zur transmedialen – textuellen, auditiven, visuellen und audiovisuellen – Produktion, d. h. ihre drastische Verbilligung und Vereinfachung. Zweitens die ebenso doppelte Demokratisierung der Verfügung über die technischen Mittel zur globalen Distribution transmedialer Wissensspeicher.1 Drittens und wohl entscheidend der Umstand, dass die Methoden der Massenbildung, entwickelt für die Bedürfnisse der Industriegesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts, zunehmend vor den individualisierten Anforderungen einer digitalen Wissensökonomie versagen.

Anmerkungen
  1. Beide Demokratisierungen legen die Grundlage für die von Henry Jenkins zuerst beschriebene »participatory culture«: »A participatory culture is a culture with relatively low barriers to artistic expression and civic engagement, strong support for creating and sharing creations, and some type of informal mentorship whereby experienced participants pass along knowledge to novices.« (Jenkins, Henry et. al.: Confronting the Challenges of Participatory Culture. Media Education for the 21st Century, Chicago: The MacArthur Foundation 2009, S. 3) []

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